Kapitel 1 - Kindheit

zuletzt aktualisiert am 20. Dezember 2009


Hier findet man ein paar
Bilder aus meiner Kindheit


1961 - das Jahr meiner Geburt

Ich wurde am 22. Juli 1961 als Junge und ältestes von drei Kindern einer Leipziger Arbeiterfamilie mit dem Namen Matthias Lindner geboren. Drei Jahre danach kam mein Bruder zur Welt, weitere fünf Jahre später meine Schwester.

Das Jahr 1961 war das Jahr, in dem sich die DDR, in der meine Heimatstadt Leipzig lag, durch den Bau der Berliner Mauer endgültig vom Rest der Welt abschottete. So entstand also jene DDR, welche ich nur kennen lernen sollte. Während ältere Generationen vorher zumindest durch Fahrten nach Berlin infolge der damals noch weitgehend offenen Grenze hin und wieder Gelegenheit hatten, den "Duft der großen weiten Welt" zu schnuppern, blieb mir und meinen Altersgenossen dieses verwehrt. Ich gehörte also zur ersten Generation, die ausschließlich die DDR kannte, sieht man einmal von gelegentlichen Urlaubsreisen in "sozialistische Bruderländer" ab.

Es war aber auch die Zeit, in der die Nachwirkungen des Krieges im Wesentlichen überwunden waren. Die Lebensbedingungen der Menschen waren zwar ein ganzes Stück von Luxus entfernt, aber Ansätze eines bescheidenen Wohlstandes wurden erkennbar. Man begann sich also in der DDR endgültig einzurichten, ging es doch damals immer noch mit der Entwicklung ein wenig bergauf. Die Nachkriegszeit war so gesehen in dieser Zeit zu Ende gegangen.



Die ersten Jahre meiner Kindheit

Aus heutiger Sicht kann ich die ersten Jahre meiner Kindheit als die glücklichsten, weil unproblematischsten bezeichnen. Ob ich ein Wunschkind war, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich hatte zumindest in meiner frühen Kindheit niemals das Gefühl, das Gegenteil davon zu sein.

In dieser Zeit war meine Mutter zu Hause, während mein Vater als Schlosser arbeitete und damit den Unterhalt für die Familie allein verdiente. Als drei Jahre nach mir dann mein Bruder auf die Welt kam, wurde es aus finanziellen Gründen allmählich immer notwendiger, dass unsere Mutter etwas zum Lebensunterhalt dazu verdiente. Als mein Bruder im Alter von zwei Jahren aus dem Gröbsten heraus war, kam er zu einer Tagesmutter und ich in den Kindergarten. Da war ich bereits 5 Jahre alt. Anfangs verunsicherte mich die große Zahl Gleichaltriger etwas, später aber gewöhnte ich mich daran und ich begann mich dort allmählich wohlzufühlen. Damals hat sich schon gezeigt, dass ich immer erst eine gewisse Anlaufzeit brauchte, um mit anderen Menschen so richtig in Kontakt zu kommen. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.



Erste Erinnerung an meine größte Identitätskrise

Im Alter von vier Jahren sollte ich die erste Vorahnung davon bekommen, was sich im weiteren Verlaufe meines Lebens als eine zuweilen existenzbedrohende Identitätskrise herausstellen sollte. Es war jenes Phänomen, welches ich erst aus der heutigen Sicht richtig einzuordnen in der Lage bin und Transsexualität genannt wird. Es fing damit an, dass in einem Gespräch mit meiner Mutter zufällig die Frage aufkam, welchen Namen ich denn bekommen hätte, wenn ich als Mädchen auf die Welt gekommen wäre. Meine Mutter erzählte mir, dass sie mir diesem Falle den Namen Sylvia gegeben hätte und ich erinnere mich heute noch daran, wie mich das Nachdenken darüber gehörig zu beschäftigen begann. Es war weniger der Name, sondern viel mehr die Situation, über die ich dadurch zum allerersten Male nachdachte. Ich bekam an diesem Tage kaum noch ein Wort heraus, weil ich mir zum ersten mal bewusst vorstellte, wie mein Leben als diese Sylvia wohl aussehen würde. Ich entdeckte, dass mir diese Vorstellung sehr gut zu gefallen begann und ich malte mir fortan in meiner Phantasie immer wieder aus, Röcke zu tragen, lange Haare mit Zöpfen oder Pferdeschwanz zu haben oder mit Puppen zu spielen. Sicher sind das alles Dinge, die aus heutiger Sicht eher etwas naiv klingen, aber ich sah ja damals die Welt aus der begrenzten Sicht eines Kindes.

Gleichzeitig offenbarte sich hierbei das größte Problem, welches ich im Zusammenhang mit dieser Identitätskrise stets hatte: Ich hatte mich schon damals und auch später niemals getraut, mit jemandem über diese Gefühle zu sprechen. Ich hatte schon damals aus auch heute für mich noch nicht so leicht nachvollziehbaren Gründen immer den Eindruck, dass diese Gedanken etwas Ungeheuerliches sind. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob ich damals überhaupt in der Lage gewesen wäre, diese Empfindungen richtig zu artikulieren. Auch bin ich mir überhaupt nicht sicher, ob das Wissen über diese Empfindungen beispielsweise meine Eltern in die Lage versetzt hütte, mir in irgendeiner Weise hilfreich zur Seite zu stehen. Ich glaube, das hätte sie überfordert und es hätte unter Umständen katastrophale Auswirkungen haben können.

Über die anatomischen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen wusste ich damals noch nichts, zumindest machte ich mir keine Gedanken darüber. Man sagte mir damals nur, ich sei ein Junge und würde später einmal ein Mann sein, während Mädchen zu Frauen heranwachsen. Das hatte ich vorher nicht gewusst oder zumindest war mir das damals erst so richtig klar geworden. Dieser vom Schicksal so gnadenlos streng vorgezeichneten Weg machte mich sehr traurig. Ich begann aber in Anbetracht der scheinbaren Unausweichlichkeit der Situation, mich in mein vermeintliches Schicksal zu fügen. Ich musste ja auch nicht ständig daran denken, spielte doch die Geschlechtidentität damals ja noch nicht so eine wichtige Rolle. Diese geheimen Gedanken gruben sich jedoch damals in mein Gehirn ein und ließen mich fortan niemals mehr los. Ich konnte sie zuweilen noch recht erfolgreich verdrängen, präsent waren sie aber von da an immer irgendwie und sei es nur im Unterbewusstsein.

Seit dieser Zeit und noch mehr, als ich später in die Schule kam, waren Mädchen für mich so etwas wie Wesen von einem anderen Stern. Ich beneidete sie und beobachtete heimlich, wie sie spielten, sich kleideten, wie sie sprachen usw. und hatte dabei ständig das Gefühl, auf irgendeine Weise ausgeschlossen zu sein. Mich als Junge ihnen anschließen wollte ich aber nicht, ich wollte doch eher dazu gehören. Ich mied zunehmend ihre Gegenwart, welche mich mehr und mehr verunsicherte. Ich hatte dadurch schlichtweg ein gestörtes Verhältnis zu ihnen, das aus einer nur schwer erklärbaren Mischung aus Neid und Bewunderung bestand. Ich wäre so gern selbst ein Mädchen gewesen, hatte aber das Wissen, dass ich nun mal ein Junge war und sich somit meine tiefsten Sehnsüchte als unerfüllbar herausstellten. Das war grausam!

So verbrachte ich meine Kindheit als Junge und unterdrückte oder verdrängte meine tiefen aber mir damals unerfüllbar erscheinenden Sehnsüchte immer mehr. Allmählich begann ich sogar, mich für diese Sehnsüchte vor mir selbst zu schämen und versuchte, durch besonders martialisches Auftreten jeden Zweifel über meine Männlichkeit auch mir selbst gegenüber auszuräumen. Insbesondere, nachdem ich in die Schule gekommen war, wollte ich nun ein "richtiger Junge" sein oder werden, obwohl oder weil ich ja irgendwie im Hinterkopf hatte, dass ich ja genau das nicht wirklich war. Welcher richtiger Junge wollte schon lieber ein Mädchen sein? Statt zu meinen Gedanken und Gefühlen zu stehen, versuchte ich damals schon, mit aller Macht dagegenzusteuern. Ich war infolgedessen alles andere als ruhig und ausgeglichen. Zusehends wurde ich aggressiver, was zu ständigen Spannungen mit den Lehrern und dadurch später auch den Eltern führte. Diese befürchteten nämlich, dass sich ihr Ansehen bei Nachbarn, Kollegen oder anderen Leuten durch das schlechte Benehmen ihres Sohnes zusehends verschlechtern könnte. Sie ließen mich das spüren, was mich innerlich eher noch aggressiver machte, zumal nicht alle Eltern solche Probleme für sich so sahen, deren Kinder trotzdem zu anständigen Menschen heranwuchsen.



Beginn der Schulzeit

Im Jahre 1968, also im Alter von 7 Jahren, kam ich in die Schule. Dort brauchte ich anfangs ebenfalls wie vorher schon im Kindergarten eine gewisse Eingewöhnungszeit, welche von noch stärkerer Zurückhaltung geprägt war, als dies im Kindergarten der Fall gewesen war. Das mochte wohl an der noch tiefer greifenden Veränderung meiner bisherigen Lebensgewohnheiten gelegen haben. Ich glaube, dass dies anhand des alten Klassenfotos von 1968 (siehe hier) auch ziemlich gut zu erkennen ist.

Nachdem ich das Lesen gelernt hatte, begann ich, Bücher aller Art regelrecht zu verschlingen. Anfangs wollte mir das so gar nicht recht gelingen und ich musste fast zum Lesen geprügelt werden. Dann aber platzte irgendwann der Knoten und das Lesen wurde zu meinem größten Hobby. Dadurch legte ich den Grundstein für meine verhältnismäßig gute Allgemeinbildung. Als Hauptinteressengebiete kristallisierten sich bereits damals vor allem Geografie und Geschichte heraus. Nachdem ich bereits im Vorschulalter durch ständiges Nachfragen irgendwann in der Lage war, die wichtigsten Länder der Erde auf dem Globus zu finden, habe ich durch das Lesen immer mehr an neuen Erkenntnissen dazugewonnen. Dies war kein in irgendeiner Weise gezielter Erwerb von bestimmtem Wissen, sondern eher die spontane Befriedigung von Neugier. Durch das Lesen von Romanen lernte ich z. B. wesentlich mehr über das Leben, als dies durch Lehr- oder sonstige Sachbücher (mit Ausnahme von Lexika) jem als bei mir geschehen ist. Ich brauchte nun immer weniger meine Eltern zu fragen, welche ja auch nicht immer auf alles die richtige Antwort wussten. Ich brachte es fertig, stundenlang Landkarten und Atlanten anzuschauen und in Lexika zu lesen, als wären es Romane. Dadurch erweiterte sich mein Wissen in beträchtlichem Maße. Die Kehrseite der Medaille war eine gewisse Isolierung vom "Leben da draußen", vielleicht auch ein Rückzug in eine andere Welt. Es war so einfach, den Problemen des Alltages in diese so andere Welt zu entfliehen.



Wie ich heute auf meine Kindheit zurückblicke

Ich kann nicht unbedingt behaupten, dass ich eine durch und durch unglückliche Kindheit gehabt hätte. Der Gedanke, lieber ein Mädchen sein zu wollen und dessen Verdrängung beschäftigten mich damals noch nicht ständig und weitaus weniger intensiv, als dies in späteren Jahren dann der Fall sein sollte. In der Schule gehörte ich nicht unbedingt zu den schlechtesten Schülern, war aber alles andere als ehrgeizig. Das Lernen fiel mir sehr leicht, obwohl ich mich dabei nicht gerade überanstrengte. Mit etwas mehr Lerneifer hätte ich wohl spielend das Abitur geschafft, aber mangelnder Ehrgeiz und eine gewisse Orientierungslosigkeit die Zukunft betreffend ließen mich keinen Sinn darin erkennen. Ich gehörte nie zu den Menschen, die immer schon wussten, was sie wollten.

Dem Verhältnis zu meinen Eltern habe ich ein gesondertes Kapitel gewidmet. Nur eines möchte ich an dieser Stelle noch zusammenfassend sagen: Sie ermöglichten mir in materieller Hinsicht und in Bezug auf eine gewisse Ordnung im Elternhaus eine normale Kindheit. Nur eines konnten sie mir nicht geben: Anerkennung. Niemals wurde mein Streben nach Anerkennung, insbesondere seitens meiner Mutter honoriert. Es war ihr nur wichtig, dass ich ihnen keine Schande machte. Der Satz "...wir blamieren uns doch nur wegen dir..." war einer der häufigsten in meiner Kindheit.

Mit meinen Klassenkameraden, zumindest der männlichen Hälfte, verstand ich mich überwiegend gut, wenn auch nicht immer glänzend. Ich war zumindest in diesem Umfeld nicht unbedingt ein Einzelgänger. Kam ich aber zeitweise in die Gesellschaft anderer, mir weniger oder gar nicht bekannter Altersgenossen, habe ich mich meistens ziemlich abgesondert. Besonders deutlich wurde das, wenn ich im Sommer in ein Ferienlager fuhr. Da waren wir ja nur für ein paar Wochen zusammen und für mich war somit die Zeit viel zu kurz, um so richtig aufzutauen. Diese zumindest anfängliche Kontaktscheu, für die ich keine richtige Erklärung habe, sollte mich aber mein ganzes Leben bis heute begleiten.


Hier findet man ein paar
Bilder aus meiner Kindheit

nächstes Kapitel:
Kapitel 2 - Pubertät und Jugendzeit

Hier sind alle Kapitel im Überblick und über Links erreichbar:
Kapitel  1 - Kindheit Kapitel  6 - Flucht in den Westen Kapitel 11 - Mein Berufsleben
Kapitel  2 - Pubertät und Jugendzeit Kapitel  7 - Versuch eines Neuanfangs Kapitel 12 - Gesundheitliche Rückschläge
Kapitel  3 - Mein Elternhaus Kapitel  8 - Standortbestimmung
Kapitel  4 - Das "verlorene Jahrzehnt" Kapitel  9 - Der soziale Umstieg
Kapitel  5 - Die letzten Jahre in der DDR Kapitel 10 - Der endgültige Umstieg

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