Kapitel 3 - Mein Elternhaus

zuletzt aktualisiert am 20. Dezember 2009



Die ersten Jahre

An den frühesten Teil meiner Kindheit habe ich zwar die wenigsten Erinnerungen, aber die lückenhaften Fetzen davon, die ich heute noch habe oder rekonstruieren kann, sind durchweg sehr schön. Das betrifft insbesondere auch oder gerade das Verhältnis zu meinen Eltern. Ich empfand eine Art von Geborgenheit, wie sie mir im ganzen übrigen Leben niemals wieder begegnen sollte. Dies ist sicher nichts Ungewöhnliches, wohl jedes Kind aus einer intakten Familie hat ähnliche Eindrücke in seinem Leben gehabt. Diese Erinnerungen sind etwas, wovon sich ein Leben lang und vor allem in schlechteren Zeiten zehren lässt.

Vielleicht sind diese Eindrücke auch nur den sehr lang und immer länger und lückenhafter zurückliegenden Erinnerungen geschuldet. Auch neigt der Mensch ja bekanntlich dazu, eher die schönen Eindrücke im Gedächtnis zu behalten und die nicht ganz so schönen zu verdrängen. Auch die Zuwendung zu einem schutzbedürftigen kleinen Menschen dürfte wohl mit zu diesen schönen und harmonischen Erleben dieser Zeit beigetragen haben.



Das Elternhaus als Bestandteil der "Obrigkeit"

Mit zunehmenden Lebensalter kamen aber auch immer mehr von mir damals als lästig empfundene Verbote und Vorschriften hinzu, die meine gröüer werdende Welt gleich wieder einzuengen schienen. Die Welt bestand nicht mehr aus Kinderwagen oder Laufgitter und Kinderzimmer, auch nicht immer nur an Mamis oder Papis Hand. Sie wurde zunehmend komplexer und dadurch natürlich auch immer mehr Regeln unterworfen, was einem Kind nicht immer in jeder Situation begreiflich ist. So empfand ich eben Unmut, wenn ich nicht immer das tun konnte, was ich gerade wollte. Diese erste Konfrontation mit Regeln des menschlichen Zusammenlebens machte mich sicher nicht fröhlicher.

So hatte ich nun die ersten kleinen Geheimnisse, wenn ich trotz Regeln dennoch etwas Verbotenes tat (z. B. Naschen), die ersten kleinen Notlügen wurden erfunden und gleich wieder enttarnt, weil ich noch nie gut lügen konnte. Meine Mutter hatte mich stets dabei ertappt, wenn auch mein größtes Geheimnis ein solches noch viele Jahre bleiben sollte.

Es entstand bei mir der Eindruck, dass meine Eltern ein Teil der mir nun ständig von außerhalb der Familie entgegentretenden Obrigkeit waren. Ich hatte fast das Gefühl, dass die Schule oder die Meinung der "Leute" für meine Eltern wichtiger seien, als meine. Insbesondere dann, wenn ich von Lehrern oder Erziehern tatsächlich oder vermeintlich ungerecht behandelt worden war und meine Eltern keinerlei Anstalten machten, sich darüber zu beschweren oder wenigstens mir den Rücken zu stärken, fühlte ich mich hilflos einem Zusammenhalten der Erwachsenen ausgesetzt. Disziplinierungsmaßnahmen von Lehrern schienen 1:1 in das Elternhaus übernommen zu werden, was mich nun zwar nicht verschlossen werden ließ, aber Vertrauen brachte ich fortan nur noch selektiv meinen Eltern gegenüber auf. Ich weiß nicht, wie dies in anderen Familien war, ich hatte ja keine Vergleichsmöglichkeiten. Ich habe aber gemerkt, dass das Vertrauensverhältnis zu den Eltern in vielen Fällen ein anderes war, manchmal besser, manchmal auch schlechter.

Selbstbewusstsein und eigenständiges Denken sind ganz gewiss keine mir von meinen Eltern mit auf meinen Lebensweg gegebene Tugenden. Alles, worüber ich heute an diesen Eigenschaften verfüge, musste ich mir in mühevoller und von vielen Rückschlägen begleiteter Kleinarbeit selbst aneignen. Vielleicht habe ich mir stets zuviel zu Herzen genommen, aber einen Einfluss auf diese Tatsache hatte ich ja ohnehin nicht.



Erziehungsziel: Untertan

Natürlich war dieses aus heutiger Perspektive so klar erkennbare Ergebnis ganz sicher nicht das vorrangige Ziel der Erziehung in meinem Elternhaus. So etwas zu behaupten, würde meinen Eltern dann doch nicht ganz gerecht werden. Lange Zeit habe ich ihnen dieses zwar unterstellt, aber aus heute habe ich eine etwas andere Sicht darauf. Sie waren nun mal keine Helden, sondern ganz normale Menschen. Während ihres gesamten Lebens galten zuerst durch das Nazi- und später das stalinistische DDR-Regime eigenständiges Denken, Zivilcourage, Weltoffenheit und Toleranz wahrlich nicht zu den gefragtesten Tugenden. Sie vertraten die Meinung, man müsse sich den Bedingungen anpassen und dürfe nicht dagegen ankämpfen und sich so den Zorn der "Obrigkeit" zuziehen. Vor den damit möglicherweise entstehenden Schwierigkeiten wollten sie uns Kinder bewahren. Unter den spezifischen Bedingungen der geschlossenen Gesellschaft war so eine Haltung zumindest bis zu einem gewissen Grade angebracht, obwohl ich das Ausmaß dessen heute immer noch für wesentlich größer als erforderlich halte.

Ungeachtet dessen hatten meine Eltern stets das Ziel, meine beiden Geschwister und mich zu aus ihrer Sicht anständigen Menschen zu erziehen. Dass Ihnen das zumindest in meinem Falle aus Ihrer Sicht (die sie noch heute haben) nur teilweise gelang, liegt wohl an unterschiedlichen, ja eigentlich sogar unüberbrückbaren Gegensätzen. Ihr Verständnis von einem anständigen Menschen weicht - sieht man einmal von einigen wenigen Übereinstimmungen ab, um Einiges von meinem ab.



Identitätskrise und Elternhaus

Meine Eltern konnten mir bei den regelrechten Kämpfen nicht helfen, welche in meinem Inneren tobten. Ich hätte es damals nie gewagt, von mir aus mit ihnen über meine Identitätsprobleme zu sprechen, da ich zum Einen diese damals noch gar nicht so klar artikulieren konnte und zum Anderen in meinem Elternhaus eine mitunter etwas verkrampft wirkende Stimmung aufkam, wenn das Thema Sexualität in der Luft lag. Ich wurde auch nie von ihnen über die "normale" Sexualität "aufgeklärt", geschweige denn über die verschiedenen Abweichungen davon. Natürlich habe auch ich selbst durch meine Introvertiertheit, durch welche ich mich zumindest in diesem Bereich auszeichnete, meinen Teil zu diesem Klima beigetragen. Aus diesem Grunde kann ich im Nachhinein heute niemanden mehr dafür verantwortlich machen, obwohl ich dieses meinen Eltern gegenüber dennoch lange Zeit getan hatte.

Nachdem sie im Jahre 2000 (als ich schon 39 Jahre alt war) von meiner Transsexualität erfahren hatten, dürfte dies meine Eltern trotz großer Distanz, die uns inzwischen nicht nur räumlich trennte, vor große Probleme gestellt haben. Sie hatten mich als ihr erstes Kind nach besten Wissen und Gewissen für das spätere Leben vorzubereiten versucht, sahen mich aufwachsen, hörten mich meine ersten Worte sprechen, sahen, wie ich meine ersten Schritte machte und freuten sich über viele neugierige Fragen von mir. Bei der Erinnerung daran muss für sie durch das Bekanntwerden meiner Transsexualität nach 39 Jahren und der Tatsache, dass ich schon fast genauso lange in meinem Inneren damit zu kämpfen hatte, die Basis für das bisherige gesamte Eltern-Kind-Verhältnis weggebrochen sein. Es muss ihnen vorgekommen sein, als ob alles, was sie bisher über mich wussten und dachten nun in Frage gestellt würde. Dementsprechend verlief auch ein erstes Treffen, bei dem ich in der für sie neuen Rolle als Frau erschien. Es war gekennzeichnet von Missverständnissen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Vor allem ich selbst hatte wohl nicht genügend Fingerspitzengefühl und war viel zu ungeduldig, was die Akzeptanz meines Rollenwechsels nicht gerade förderte. Ein späteres Treffen verlief trotz oder gerade wegen vorheriger am Telefon ausgetragener Differenzen wesentlich entspannter. Ich glaubte nun fest daran, dass es meinen Eltern trotz ihres derzeit noch sehr schmerzlichen Umgewöhnungsprozesses gelingen würde, mich zumindest weiter als ihr Kind zu sehen. Dass sie mich einmal als ihre Tochter sehen könnten, ist sicher eine Illusion. Ich kann kaum glauben, dass Eltern überhaupt zu einem derartigen Umdenken fähig sein könnten, zumindest nicht, wenn die Veränderungen wie in meinem Falle erst in einem recht fortgeschrittenen Alter stattgefunden haben.



Das Verhältnis zu meinen Eltern heute

Lange Zeit hatte ich versucht, die Fäden komplett zu kappen. Zweimal (von 1996 - 2000 und von 2002 - 2004) hatte ich dies sogar mit relativem "Erfolg" geschafft. Ich glaubte, dass trotz allen Schmerzes über diesen Umstand das die bessere Lösung ist, als mein Leben lang erfolglos der Anerkennung oder auch nur Akzeptanz meiner Eltern hinterherzulaufen. Ich hatte das Gefühl, dass alles, was mir wichtig war, alles, worauf ich stolz war, alle Dinge die ich tat für sie, insbesondere meine Mutter, nichts wert waren. Da ich nicht das Kind geworden bin, das sie sich vorgestellt hatten, schien mir Anerkennung wohl auf ewig verwehrt zu bleiben. Deshalb schien für mich nur dieser eine Weg vorgezeichnet, dem ständigen Rechtfertigungsdruck, permanenten Provokationen und gegenseitigen Kränkungen zu entgehen: Ich wollte mit meinen Eltern nichts mehr zu tun haben!

Sicher ist dies eine Möglichkeit, vor Problemen davonzulaufen, aber eine unzureichende und wenig befriedigende. Für mich ist es zum Einen nicht mehr übermäßig wichtig, überhaupt so etwas wie "Haltungsnoten" für mein Tun und Lassen von meinen Eltern zu bekommen, dazu fühle ich mich nicht wichtig genug. Zum Anderen ist mir auch klar geworden, dass auch meine Eltern wesentlich gelassener auf die sie umgebende Wirklichkeit zu reagieren in der Lage sind, als ich es ihnen bisher zugetraut hatte.

Es muss noch gesagt werden, dass ich beim Schreiben gerade dieses Kapitels ständig von Emotionen hin-und hergerissen wurde. Der Inhalt dieses Kapitel wurde schon sehr oft geändert und wohl kein Aspekt meines Lebens hat mich innerlich so aufgewühlt. Ich war lange Zeit sehr ungerecht zu meinen Eltern und hatte nur wenig Verständnis für ihre Gefühle. Dann kamen wieder Phasen, in denen ich ehrlich daran interessiert war, mit meinen Eltern ein gutes Verhältnis zu erreichen. Das Ergebnis war stets das Gleiche: Jeder Kontakt mit meinen Eltern kostete mich Kraft und Nerven. Jedesmal war ich für eine Zeit lang nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, weil ich emotional völlig aufgewühlt war. Ich ärgerte mich dann sowohl über meine Eltern, hier wieder vor allem meine Mutter, als auch über mich selbst, weil ich in derartigen "Gesprächen" sehr oft die Beherrschung verlor. Niemand sonst war in der Lage, mich derart zu provozieren, wie dies mit schöner Regelmäßigkeit meiner Mutter gelang. Mitunter hatte ich sogar das Gefühl, dass ihr das zumindest unbewusst auf eine äußerst merkwürdige Art Befriedigung verschaffte.

Lange Zeit glaubte ich, dass die Transsexualität sozusagen die "Sollbruchstelle" im Verhältnis zu meinen Eltern sei. Ich schwelgte in Schuldzuweisungen gegenüber meinen Eltern und merkte dabei gar nicht, dass diese in Bezug auf meine Transsexualität einen Erkenntnisprozess durchmachten und ich ihnen in meiner Ungeduld viel zu wenig Zeit dafür gelassen hatte. Ich hatte schließlich mehrere Jahrzehnte dafür gebraucht. Nun könnte man sagen, dass Eltern doch merken müssen, dass mit ihrem Kind "etwas nicht stimmt". Das haben sie sicher auch, nur wie sollten sie herausfinden, was mich bedrückte, wenn ich selbst nicht darüber reden konnte. Ich konnte und wollte nie gut lügen, weil eben gerade diese eine Lüge alle meine diesbezüglichen Fähigkeiten beanspruchte. Ich weiß heute, dass der Mangel an Offenheit und somit an Vertrauen auf beiden Seiten tiefe Wunden gerissen hat.

Dabei übersah ich aber lange Zeit, dass eben nicht nur oder eigentlich gar nicht die Transsexualität, sondern die schon geschilderten anderen Probleme mit meinen Eltern zu "Irritationen" geführt hatten. Vielleicht hatte ich zu große Illusionen in Bezug auf Harmonie und konnte dabei selbst diesen hehren Zielen in keiner Weise gerecht werden. Ich stellte mir dann wieder vor, dass ich ein erfülltes Leben nur ohne meine Eltern führen könnte. Es ist sicher richtig, dass ich Anerkennung und Respekt nicht hinterherlaufen brauche, genauso unsinnig wäre aber auch, den Kontakt demonstrativ abzubrechen und auch noch die Welt durch diese Veröffentlichung daran teilhaben zu lassen. Das ist eine unangemessene Theatralik und zudem eine untaugliche Maßnahme der Selbstprofilierung.

Heute bestehen (wieder) Kontakte zwischen mir und meinen Eltern. Diese sind frei von Illusionen, aber auch weitestgehend frei von gegenseitigen Missverständnissen, da jeder weiß, wo die jeweiligen wunden Punkte liegen.


nächstes Kapitel:
Kapitel 4 - Das "verlorene Jahrzehnt"

Hier sind alle Kapitel im Überblick und über Links erreichbar:
Kapitel  1 - Kindheit Kapitel  6 - Flucht in den Westen Kapitel 11 - Mein Berufsleben
Kapitel  2 - Pubertät und Jugendzeit Kapitel  7 - Versuch eines Neuanfangs Kapitel 12 - Gesundheitliche Rückschläge
Kapitel  3 - Mein Elternhaus Kapitel  8 - Standortbestimmung
Kapitel  4 - Das "verlorene Jahrzehnt" Kapitel  9 - Der soziale Umstieg
Kapitel  5 - Die letzten Jahre in der DDR Kapitel 10 - Der endgültige Umstieg

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