Kapitel 4 - Das "verlorene Jahrzehnt"

zuletzt aktualisiert am 20. Dezember 2009



Kann das Schicksal doch beeinflusst werden?

Im Alter von 18 Jahren hörte ich zum ersten Mal, dass es zumindest in West - Deutschland die Möglichkeit gab, durch Hormonbehandlung und Operation eine weitgehende Anpassung des Körpers an das "Wunschgeschlecht" vornehmen und das Ganze sogar auch noch juristisch sanktionieren lassen zu können. Die Umstände, unter denen ich davon erfuhr, waren allerdings alles andere als angenehm. Ich war damals Lehrling und stand mit den anderen auf dem Hof der Berufsschule. Irgendeiner erzählte, was er am Tage zuvor im Westfernsehen, welches ja in Leipzig ohne weiteres zu empfangen war, gesehen hatte. Wörtlich: "Da gibts solche perversen Schwulen, die sich eine Votze unten dranfriemeln lassen." Er erzählte noch einiges mehr darüber und die anderen amüsierten sich immer mehr über diese Menschen. Ich stand dabei und war einerseits fasziniert von dieser für mich damals völlig neuen Möglichkeit und andererseits angeekelt von der Reaktion meiner Klassenkameraden. Mir erschien das alles wie ein Märchen, welches mein ganzes bis dahin existierendes Weltbild über den Haufen warf.

Ich versuchte von nun an, gezielt nach Informationen über dieses Thema zu suchen. Das war ja zu DDR-Zeiten gar nicht so einfach. Auch konnte ich niemanden direkt fragen, was ich suchte, traute ich mich doch nicht, mein Interesse an diesem Thema zu offenbaren. Ich kaufte in der Leipziger Uni-Buchhandlung ein dickes Buch über Homosexualität, in welchem auf zwei! Seiten auch das Thema Transsexualität vorkam. Dort wurde kurz erklärt, dass es auch in der DDR die Möglichkeit der Hormonbehandlung, Operation sowie Namens- und Personenstandsänderung gab. Diese Informationen bewirkten bei mir den Beginn eines aus heutiger Sicht viel zu langen Umdenkprozesses. Es gab also doch die Möglichkeit, den vom Schicksal so vorgezeichneten Weg zu verlassen! Trotzdem hielt ich damals das Einschlagen dieses Weges für mich einfach zu unrealistisch, war ich doch durch Erziehung und jahrelange Gewohnheiten schon zu sehr in meiner Rolle gefangen. Die endgültige Erkenntnis, als Mann nicht leben zu können, fehlte mir damals noch. Ich dachte vielmehr, dass ich ohnehin nicht zu den Gewinnern auf dieser Welt zählte und wurde zu so einer Art geschlechtlosen Wesen mit männlichem Äußeren. Meine Anspr¨che an das Leben waren nicht sehr hoch. Es war ein Leben in einer Art Wartestand, nur hatte ich keine Vorstellung davon, worauf ich eigentlich warten sollte. An die Möglichkeit, dass auch für mich ein wenig vom Glück dieser Erde vorhanden sein musste, wollte ich wohl zu diesem Zeitpunkt nicht glauben.

Ich denke sogar, dass mich das Wissen über die Möglichkeit einer "Geschlechtsumwandlung" damals vorerst eher noch unglücklicher machte, erfuhr ich doch, dass es Menschen gab, die aus dem Handicap des falschen Körpers noch das Beste gemacht hatten, während ich nicht zu diesen Menschen gehörte oder glaubte, aufgrund meiner Unentschlossenheit und Lethargie niemals dazugehören zu können. Ich fühlte mich also doppelt ausgeschlossen: Ich gehörte weder zu den Frauen, noch zu denen, die konsequent diesen Weg gingen. Diese Erkenntnis bewirkte bei mir so etwas wie eine Trotzreaktion, schließlich musste ich mich ja in meiner trostlosen und damals eben noch männlich empfundenen Realität irgendwie einrichten.



Leben am Rande des Abgrundes

Nach meiner Lehrzeit versuchte ich, die doch immer in gewissen Abständen wieder auftretenden Gefühle mit Gewalt loszuwerden. Ich ließ mir einen Vollbart wachsen und versuchte auch sonst so maskulin wie möglich zu wirken. Leider kamen da aber überwiegend nur negative typisch männliche Verhaltensweisen zum Vorschein. Ich hatte damals äußerst destruktive Gedanken mir selbst, meinem unmittelbaren Umfeld und der Gesellschaft im Allgemeinen gegenüber. Die positiven Eigenschaften, welche Männer zweifellos auch haben, machte ich mir kaum zu eigen. Ich beteiligte mich etwa bis Mitte 20 regelmäßig an zum Teil gewalttätigen Ausschreitungen von Fußballfans innerhalb der gesamten DDR ("Von Rostock bis Aue verteilen wir Haue"). Auch zeichnete ich mich zu dieser Zeit durch exzessiven Alkoholkonsum aus, der zum damaligen Zeitpunkt so extrem war, dass ich jede Woche drei- bis viermal volltrunken bis zum fast totalen Kontrollverlust durch die Gegend torkelte. Ich hatte sogar den selbstzerstörerischen Wunsch, vom Alkohol abhängig zu werden, was mir wie durch ein Wunder nicht gelang. Es kam sehr oft vor, dass ich in diesem Zustand irgendwelche Dinge anstellte, an die ich mich am nächsten Tag nicht mehr erinnern konnte, also der berühmte "Filmriss". Da waren Pöbeleien, sinnloses Geschrei, aber auch Sachbeschädigungen und vereinzelt tätliche Angriffe auf mir unsympatische Menschen. Oftmals wachte ich morgens auf und wusste nicht, wo ich war und warum ich so aussah. Nur durch Erzählungen anderer erfuhr ich dann, was ich am Abend vorher für Blödsinn angestellt hatte bzw. von wem ich die "Veilchen" im Gesicht hatte. Selbst an Tagen, an denen ich zwar betrunken war, aber nichts angestellt hatte, bekam ich stets ein schlechtes Gewissen, wusste ich doch nie, was am Tag zuvor gewesen war.


Faszination Fußball und seine Fans

Fußballspielen gehörte zwar zu den Dingen, die ich gern selbst betrieben hätte, aber infolge meiner Unsportlichkeit bzw. Ungeschicklichkeit war ich weniger dafür geeignet. Bei Klassenspielen, im Sportunterricht oder auf dem öffentlichen Spielplatz wurde ich nur eingesetzt, um die vollständige Mannschaftsstärke zu erreichen. Auch durch die Nachwirkungen meines schweren Verkehrsunfalles, den ich im Alter von 10 Jahren erlitt, war für mich das Betreiben dieser Sportart in einem Verein unmöglich geworden.

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob wirklich alle, die in ihrer Jugend einmal ganz gut Fußball spielen konnten und auch sonst zu den "Sportskanonen" gehörten, heute noch die gleiche Position einnehmen könnten. Viele streichen sich doch heute über ihren Wohlstands-Bauch, sind treuer "Bild"-Leser und Hobby-Bundestrainer und fühlen sich auch sonst als Fußball-Sachverständige vor dem Herrn. Zumindest an manchem Gleichaltrigen habe ich diese Metamorphose vom Sportler zur Couchpotatoe erlebt, das scheint wohl am Alterungsprozess zu liegen. Aber warum war ich nicht so davon betroffen? Ich bin heute beweglicher, als ich es jemals war...

Aber zurück in die Vergangenheit!

Der Fußball interessierte mich wie gesagt damals trotzdem. Sowohl der reine Sport als auch das, was heute allgemein als "Fankultur" bezeichnet wird, fanden mein reges Interesse. Allerdings war ich damals auch sehr oft an den negativen Dingen beteiligt, die damit verbunden waren. Besonders an Tagen, an denen ich mit vielen anderen zu den Auswärtsspielen meines Lieblingsvereins Chemie Leipzig (heute heißt er FC Sachsen Leipzig ) fuhr, floss der Alkohol im Vorfeld und auch danach, aber auch vor allem während der manchmal sehr langen Zugfahrten mitunter in Strömen. Auf der Hinfahrt wurde sich oft Mut angetrunken und sich auf die Auseinandersetzung mit den gegnerischen Fans, welche uns manchmal schon am Bahnhof erwarteten, eingestimmt. Auf dem Rückweg wurde dann entweder ein Sieg gefeiert oder Rache für erlittene Niederlagen auf dem Rasen oder den Rängen geschworen. Alkohol war dabei aber meistens im Spiel.

Es gab aber nat¨rlich nicht nur solche Erscheinungen bei Fußballspielen. Auch würde ich mich selbst zu der damaligen Zeit nicht als ausgesprochenen Schläger bezeichnen, sondern "nur" als Teil einer manchmal (bei weitem nicht immer) gewalttätigen Masse. Auch heute interessiere ich mich noch für Fußball, sogar auch noch für Fankultur. Jedoch kann ich mir heute die hässlichen Begleiterscheinungen von damals zumindest für mich selbst nicht mehr vorstellen. Natürlich konzentriert sich mein Interesse nach wie vor hauptsächlich auf den FC Sachsen Leipzig oder Chemie Leipzig, wie der Verein von den eigenen Fans immer noch genannt wird.



Sexualität - was war das und was sollte ich damit machen?

Da ich schon seit meiner Pubertät unfähig und wohl auch unwillig war, eine Partnerschaft mit einer Frau einzugehen, aber auch keine homosexuellen Neigungen hatte, habe ich meinen Sexualtrieb immer wieder selbst "befriedigt", wobei ich mich letztlich aber viel eher mit meiner Gesamtsituation unbefriedigend fühlte. Dabei hat sich meine sexuelle Phantasie zunehmend und später ausschliesslich in Richtung auf ein weibliches Rollenverhalten von mir verschoben. Ich stellte mir in diesen Fantasien also vor, eine Frau zu sein, während ich danach stets wieder in meine männliche Rolle zurückkehrte. Das verstärkte sich dann noch, als ich mit 23 Jahren von meinen Eltern weg zog und eine eigene Wohnung hatte. Dadurch bekam ich endlich Gelegenheit, mir weibliche Kleidungsstücke zu beschaffen und ungestört anzuziehen. In dieser Zeit kam es erstmals vor, dass ich nach einem durch Masturbation herbeigeführten Orgasmus nicht sofort von mir selbst angeekelt war und mir die Sachen wieder auszog, wie es bisher stets der Fall war. Ich begann damals vielmehr, diese Sachen über Stunden und später sogar über Tage hinweg anzubehalten. Dann kam es aber immer wieder zu Phasen, in denen ich doch wieder ein Mann sein wollte und ich habe dann wieder alle weiblichen Utensilien weggeworfen. Ich habe damals mindestes 15-20 Mal einen "Schlussstrich" unter diese "perversen Gedanken" ziehen wollen und alles in meinem Kohleofen verbrannt. Ich ließ mir dann wieder einen Vollbart wachsen, rasierte ihn aber dann nach einer Weile doch immer wieder ab und begann, mir erneut weibliche Kleidung und Accessoires zu besorgen. Es gab also einen ständigen Wechsel von "weiblichen" und "männlichen Phasen", welche meist über mehrere Tage oder Wochen andauerten, wobei letztere damals noch wesentlich länger andauerten und wesentlich intensiver und konsequenter waren. Die Beschaffung weiblicher Kleidungsstücke sah zur damaligen Zeit so aus, dass ich mir Strumpfhosen im Supermarkt kaufte (möglichst unauffällig zwischen vielen anderen Artikeln, welche ich teilweise nur deshalb mit in den Einkaufswagen legte). Schuhe zu kaufen gelang mir meist nur, wenn ich mir etwas "Mut angetrunken" hatte und es ein Selbstbedienungsladen war. Anprobiert habe ich sie aus verständlichen Gründen aber im Laden niemals. Kleider, Röcke oder Blusen, sowie Unterwäsche traute ich mir gar nicht zu kaufen. Ich besorgte mir Stoff und versuchte mir diese Dinge selbst zu nähen, was natürlich nicht immer die gewünschten Resultate brachte. Aber zumindest lernte ich dadurch, mit Nadel und Faden einigermaßen umzugehen.


Der Ausstieg aus dem Abstieg

So plätscherten also die Jahre bis 1989 (da war ich inzwischen 28) dahin. Rückblickend würde ich heute diese Zeit als das "verlorene Jahrzehnt" bezeichnen, wobei aber gesagt werden muss, dass sich seit etwa Mitte 20 mein Alkoholkonsum etwas und meine Neigung zur Gewalttätigkeit sehr stark verringerten. Ich glaube, wenn ich damals nicht "die Kurve gekriegt" hätte, würde ich heute sicher nicht mehr leben. Ich habe im Nachhinein erfahren, dass zwei meiner damaligen "Kumpels" innerhalb kürzester Zeit ums Leben kamen. Einer hat sich "totgesoffen", indem er, bei der Begrüßungsfeier nach seiner Haftentlassung im schon stark alkoholisierten Zustand eine ganze Flasche Schnaps "auf ex" in sich hineinschüttete und daraufhin sein Herz versagte. Ein anderer wurde bei einer Schlägerei totgeprügelt.

Über die genauen Ursachen meines Ausstiegs aus dem Abstieg kann ich nur spekulieren, vielleicht bin ich einfach nur älter und reifer geworden. Eine weitere Ursache könnte auch sein, dass sich damals mein Horizont dadurch erweiterte, dass ich begann, viel zu reisen. Ursprünglich ist das daraus entstanden, dass wir früher regelrechte Sauftouren nach Prag unternahmen, weil dort das Bier besser schmeckte. Irgendwann kam mir die Idee, dass diese Stadt, dieses Land und auch die anderen Länder, in die man damals von der DDR aus reisen konnte, ja noch andere interessante Seiten hatten. Ich nutzte die wenigen Möglichkeiten, welche die DDR dafür bot, fast vollständig aus und bin durch alle osteuropäischen Länder (mit Ausnahme der UdSSR) gereist und begann mich fortan auch für Sprache, Geografie und Geschichte dieser Länder zu interessieren. So fuhr ich sehr oft nach Prag und in andere Gegenden der heutigen Tschechischen Republik und lernte auch ein wenig Tschechisch. Mehrfach besuchte ich die Slowakei, um dort ausgedehnte Bergtouren durch die Hohe und die Niedere Tatra zu unternehmen. Anschließend ging es dann meist noch nach Budapest, welches ich damals als die lebendigste Stadt des gesamten Ostblocks empfunden hatte. Später bin ich dann gemeinsam mit meinem Bruder und einem gemeinsamen Freund mit Rucksack und Zelt durch die Karpaten in Rumänien gezogen, wovon wir uns danach noch für eine Woche am Strand des Schwarzen Meeres in Bulgarien erholten. Auch nach Gdansk (früher Danzig) in Polen führte mich eine einwöchige Städtereise, welche ich gemeinsam mit meinem Bruder machte. Es folgten erste grenzüberschreitende Fahrradtouren in die damalige Tschechoslowakei und nach Ungarn. Auch heute hat sich mein Interesse an derartigen Aktivitäten nicht geändert, nur dass es inzwischen nicht mehr auf Ost- bzw. Mitteleuropa beschränkt ist. Damals wurde vor allem auch der Grundstein für mein heutiges großes Hobby gelegt, nämlich die Entdeckung der Welt vom Fahrradsattel aus .

Diese damals neu entdeckten Interessen bewahrten mich wahrscheinlich davor, meinem ansonsten als sinnlos empfundenen Leben ein Ende zu setzen. Ich erfuhr so, dass es Dinge gab, die dem Leben einen anderen Sinn gaben, als nur ein langes Warten auf den Tod zu sein. Vielleicht könnte man diese Jahre auch als die Jahre der Grundsteinlegungen und Weichenstellungen bezeichnen. Ereignet hat sich in dieser Zeit nichts, obwohl es mit meinen Reisen eine ganze Reihe einzelner Höhepunkte gab, welche mich die sonstige Tristesse meines Daseins wenigstens für eine Weile vergessen ließen. Die Zeit dazwischen aber, und das war die weitaus meiste, war nahezu völlig ereignislos. Vieles von dem aber, was ich heute noch tue und was mich interessiert und bewegt, reicht in diese Zeit zurück.

nächstes Kapitel:
Kapitel 5 - Die letzten Jahre in der DDR

Hier sind alle Kapitel im Überblick und über Links erreichbar:
Kapitel  1 - Kindheit Kapitel  6 - Flucht in den Westen Kapitel 11 - Mein Berufsleben
Kapitel  2 - Pubertät und Jugendzeit Kapitel  7 - Versuch eines Neuanfangs Kapitel 12 - Gesundheitliche Rückschläge
Kapitel  3 - Mein Elternhaus Kapitel  8 - Standortbestimmung
Kapitel  4 - Das "verlorene Jahrzehnt" Kapitel  9 - Der soziale Umstieg
Kapitel  5 - Die letzten Jahre in der DDR Kapitel 10 - Der endgültige Umstieg

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