Kapitel 5 - Die letzten Jahre in der DDR

zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2009



Die politische Entwicklung in der DDR am Ende der 80er Jahre

Im Verlaufe der 80er Jahre wurde es immer offenkundiger, dass es mit dem Staat DDR kontinuierlich weiter bergab ging. Gab es in den 60er und frühen 70er Jahren noch verbreitet die Hoffnung auf Verbesserungen der Lebensqualität für die Bürger, so wurden doch nun immer mehr Menschen von Pessimismus oder Abwanderungsgedanken erfüllt. Wer in irgendeiner Weise Karriere machen wollte, für den gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder in der Partei oder im Westen. Den Mittelweg konnte es also nur für Leute geben, die zumindest in Bezug auf Beruf und Karriere keine großen Ambitionen hatten. Zu diesen ambitionslosen Menschen hatte ich immer gezählt und ausgesprochenem Karrieredenken kann ich bis heute nichts abgewinnen.

Im Laufe der Zeit nahmen auch die Gründe zum Verlassen dieses Staates, welche nichts mit Karriere zu tun hatten, immer mehr zu. Mehr und mehr Leute kehrten auf dem Wege der Stellung eines Ausreiseantrages ihrer Heimat den Rücken und es begann sich fast schon eine Sogwirkung einzustellen. Bald hatte fast jeder Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde oder Verwandte, welche entweder einen Ausreiseantrag gestellt hatten oder bereits im Westen waren. Keiner wollte der Letzte sein, der dann "das Licht ausmacht".



Meine persönliche Situation in dieser Zeit

Ich persönlich hatte die DDR eigentlich nie so richtig als meine Heimat gesehen, sondern meine Heimatstadt Leipzig lag eben ungünstigerweise in diesem Teilstaat, der seine Existenzberechtigung ja selbst auch nur aus dem Gesellschaftssystem bezog, welches man meiner Meinung nach zu dieser Zeit schon längst für gescheitert hätte erklären müssen. Etwa seit ich 18 Jahre alt war, hatte auch ich demzufolge immer wieder über Möglichkeiten nachgedacht, diesen Staat zu verlassen. Aber den Mut, einen Ausreiseantrag zu stellen, habe ich nie gefunden. Es war nämlich zu der Zeit üblich, dass die Antragsteller ständigen Repressalien von behördlicher Seite ausgesetzt waren und dass es völlig ungewiss war, wann es denn jetzt endlich losgeht. Das konnte oft viele Jahre dauern, in denen man faktisch auf gepackten Koffern leben musste, weil der Ausweisungsbeschluss dann in der Weise erfolgte, dass man innerhalb von 24 oder 48 Stunden das Land verlassen musste. Ich scheute mich also infolge meiner mangelnden Entscheidungsfähigkeit vor diesem Schritt, genau wie ich eben auch auf anderen Gebieten dadurch viel Zeit von meinem Leben verloren hatte. Ich machte aus meiner Abneigung gegen diesen Staat zwar auch öffentlich keinen Hehl, beteiligte mich zum Beispiel niemals an den sogenannten "Wahlen" , zu denen die meisten aus Angst vor Repressalien glaubten, hingehen zu müssen, ich trat aus der sogenannten Gewerkschaft, welche keine war ebenso aus wie aus der "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft". Unter dem Strich waren das zwar keine üblichen Handlungsweisen eines braven DDR-Bürgers, aber eben auch nicht gerade Heldentaten. Wirklich etwas gegen dieses von mir damals schon ziemlich gehasste Alte-Männer-Regime zu unternehmen oder eben dem Ganzen den Rücken zu kehren, dafür fehlte mir einfach der Mut. Diese Unentschlossenheit bereue ich noch heute, hat sie mich doch in meiner Entwicklung sehr stark gehindert.


Leben in einer Diktatur

Nichts gegen bestehende Missstände zu unternehmen, ist ja genau das, wovon eine Diktatur leben kann. Die Menschen machen aus Angst einfach mit oder zumindest nichts dagegen. Es gibt in so einem System nicht auf der einen Seite die Opfer, die nur Opfer sind und auf der anderen die Täter, die nur Täter sind. Es war vielmehr so, dass jeder Opfer des Systems, aber durch Mitmachen oder zumindest Untätigkeit eben zugleich auch Täter war. Die einzigen Unterschiede bestanden vielleicht darin, dass halt die Gewichte unterschiedlich verteilt waren. Manche waren mehr Opfer als Täter, manche anderen genau umgekehrt. Nicht zuletzt aus eben diesen Gründen ist es heute so schwer, die Vergangenheit im Nachhinein juristisch oder sonst irgendwie aufzuarbeiten. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man heute nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und das Ganze einfach vergessen sollte. Die Menschen, die in einer Diktatur Karriere machen könnten, ebenso wie die geborenen Untertanen und Mitläufer gab und gibt es zu jeder Zeit und überall. Eine DDR hätte man genauso gut auch in Bayern oder im Rheinland installieren können. Ich bin der Meinung, dass übermäßiges Verständnis für Mangel an Zivilcourage fehl am Platze ist, genauso wie aber auch allzu kluges Daherreden über die Unmöglichkeit der Unterordnung unter solche Bedingungen von Seiten Nichtbetroffener aus dem Westen. Die Gnade der richtigen Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg sollte kein Grund für Überlegenheitsgefühle sein. Ich glaube festgestellt zu haben, dass es überall die gleichen Arten von Menschen gibt. Durch die entsprechenden politischen und gesellschaftlichen Bedingungen können aus sich im Brustton der Überzeugung als "mündige Bürger" bezeichnende Menschen plötzlich regelrechte Untertanen werden.


Was mich überhaupt noch im Osten hielt

Meine persönliche Situation sah zu dieser Zeit so aus, dass es nicht nur durch die eben genannten Gründe immer weniger gab, was mich in meiner Heimat hielt. Ich verlor allmählich auch die letzten Freunde dadurch, dass diese durch Familiengründung nun völlig andere Interessen hatten und ich für diese nun nur noch ein Fossil aus vergangenen Tagen war. Ich wurde immer einsamer, aber gerade die wenigen Kontakte, die ich noch zu anderen hatte, hielten mich wohl noch eine Weile davon ab, meine Heimat ganz zu verlassen. Woanders hätte ich ja überhaupt niemanden und was das bei meiner Kontaktscheu bedeutet hätte, konnte ich mir ganz gut ausmalen. Aber steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein. Die Zustände in der DDR wurden immer schlimmer, meine Vereinsamung schritt ebenfalls weiter fort und es konnte so einfach nicht weiter gehen. Ich kam bald in eine Lage, in der ich kaum noch etwas zu verlieren hatte. Objektiv war das zwar eigentlich schon lange so, aber so langsam wurde mir dies nun immer mehr bewusst.

nächstes Kapitel:
Kapitel 6 - Flucht in den Westen

Hier sind alle Kapitel im Überblick und über Links erreichbar:
Kapitel  1 - Kindheit Kapitel  6 - Flucht in den Westen Kapitel 11 - Mein Berufsleben
Kapitel  2 - Pubertät und Jugendzeit Kapitel  7 - Versuch eines Neuanfangs Kapitel 12 - Gesundheitliche Rückschläge
Kapitel  3 - Mein Elternhaus Kapitel  8 - Standortbestimmung
Kapitel  4 - Das "verlorene Jahrzehnt" Kapitel  9 - Der soziale Umstieg
Kapitel  5 - Die letzten Jahre in der DDR Kapitel 10 - Der endgültige Umstieg

Startseite Inhalt Alle Kapitel


Sie sind Besucher Nummer Counter seit dem 19. August 2001