Kapitel 9 - Der soziale Umstieg - die spannendste Phase meines bisherigen Lebens

zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2009


Androgynität - Freiheit und Erwartungsfreude

Etwa seit dem Jahre 1997 habe ich begonnen, trotz meines nach wie vor praktizierten Versteckspiels, sowohl in meinem Outfit, als auch in Teilen meines Verhaltens von übertrieben zur Schau gestellter Männlichkeit allmählich abzuräcken. Nachdem ich mir 1996 ein letztes Mal die Haare abgeschnitten, ja sogar völlig abrasiert hatte, begann ich, meine neuen Haare immer länger wachsen zu lassen. Als sie eine gewisse Länge erreicht hatten, habe ich sie mir sogar blondiert, was bei manchen Kollegen einige Irritationen auslöste. Auch in meinem Kleidungsstil wurde ich allmählich immer androgyner. Ich trug in der Öffentlichkeit bald nur noch Sachen, welche sowohl Männer, als auch Frauen tragen konnten. Durch meine langen blond(iert)en Haare habe ich zuweilen zumindest aus einiger Entfernung wie eine Frau ausgesehen, was ich daran merkte, dass Männer nach mir pfiffen oder hinterherhupten. An manchen Tagen war ich damals ziemlich nahe daran, zumindest in meiner Nachbarschaft einfach ganz als Frau herauszugehen. Ich begann dann sogar schon, mich dezent zu schminken (aber natürlich noch ohne Lippenstift, Maskara u. ä.), weil ich nicht wollte, dass ich durch meinen Bartschatten eindeutig männlich zugeordnet werden konnte.

Im Frühjahr 1999 unternahm ich eine mehrtägige Radtour in die Tschechische Republik. Auf dem Rückweg machte ich Station auf einem Campingplatz etwa 100km von Nürnberg entfernt. Nachdem ich mich dort geduscht und umgezogen hatte, ging ich in einem Restaurant zum Abendessen. Ich setzte mich allein an einen Tisch, während einige Tische weiter einige Männer im mittleren Alter saßen, die zu einem Gesangsverein aus dem Rheinland gehörten. Nach einiger Zeit kam einer von ihnen zu mir und lud mich mit sehr netten Worten ein, mich zu ihnen zu setzen. Ich kam also zu ihnen an den Tisch und sie fragten mich nach meinem Namen. Als ich daraufhin meinen männlichen Vornamen nannte, waren sie sehr erstaunt. Es wurde plötzlich merklich ruhiger und ich merkte dies. Auf meine Frage nach dem Grund dieser Stille sagte dann einer von ihnen etwas zögerlich, dass sie gedacht hatten, dass ich eine Frau sei. Genaugenommen hatten sie ja damit nicht einmal so unrecht, aber ich wollte an diesem Tage noch nicht über meine wirkliche Identität sprechen. Ich fragte, ob sie nun enttäuscht seien, was ein wenig kleinlaut dementiert wurde. Nach einer Weile wurden sie allmählich wieder so fröhlich und ungezwungen wie zuvor und wir unterhielten uns noch ziemlich lange an diesem Abend. So richtig männlich schienen sie mich nicht einzuordnen, sie unterhielten sich jedenfalls mit mir nicht so, wie man das normalerweise "von Mann zu Mann" tut, aber ich fand das eher angenehm. Sie hatten wohl - eher unbewusst - nicht nur mein Äußeres richtig gedeutet und ich war sehr glücklich an diesem Abend.

Interessant war auch eine Situation, welche ich bei meiner zweiten Frankreich-Radtour erlebte: Eines Morgens, ich trug meine normalen Sportsachen, welche ich beim Radfahren immer trage, kam ich in eine Bäckerei und wurde dort mit "Bonjour, Madam!" begrüßt. Ich antwortete ebenfalls mit "Bonjour!" und meine Stimme klang dabei unverkennbar männlich, weil ich es bis dahin einfach gar nicht anders gewohnt war. Daraufhin wurde sich mit "Oh, Pardon, Monsieur!" entschuldigt. Darüber war ich zwar nicht begeistert, aber durch diese beiden geschilderten Situationen wurde mir bewusst, dass ich zumindest optisch gelegentlich sogar ohne viel eigenes Zutun als Frau eingestuft werden konnte. Derartige Situationen waren damals noch völlig neu für mich, dafür aber um so faszinierender.

Im Gegensatz zu meiner Arbeitsstelle, wo ich nun mal als "Mann" bekannt und eingeordnet war, war dies in meiner Nachbarschaft keineswegs so. Durch mein Schneckenhausdasein war ich ohnehin nicht gerade bekannt wie ein bunter Hund, und wenn, dann hat sicher nicht jeder gewusst, ob ich Mann oder Frau war. So ist es eigentlich fast nicht aufgefallen, dass ich allmählich immer androgyner, später femininer aussah. Als ich dann plötzlich anfing, in der Öffentlichkeit auch Röcke zu tragen, ist das kaum jemanden aufgefallen. Nur eben in der Arbeit und im Kreise meiner wenigen Bekannten und Verwandten habe ich mir das damals noch nicht getraut, weil ich mich da im Gegensatz zu meiner Nachbarschaft hätte erklären müssen. Aber ich war eben auch schon darauf gefasst, einmal doch in meinem weiblichen Erscheinungsbild gesehen zu werden. Auch in so manchen Gesprächen machte ich leichte Andeutungen, dass mit mir "etwas nicht stimmt", was aber trotzdem niemand auf den Gedanken brachte, dass ich damit meine Geschlechtsidentität meinen könnte. Heute kann ich sagen, dass diese Zeit sehr locker und stressfrei für mich war, während ich später, als ich den sozialen Umstieg gemacht hatte, immer Angst hatte, doch als "Mann" erkannt zu werden.



Das Geheimnis beginnt, nach außen zu dringen

Die erste Person, der ich mein bis dahin bestgehütetstes Geheimnis - nämlich meine Transsexualität - anvertrauen wollte, war mein Bruder. Im Gegensatz zu meinen Eltern und meinen sonstigen Verwandten habe ich ihn immer als sehr toleranten Menschen eingeschätzt, was sich dann auch bestätigen sollte. Irgendwelche Freunde und Bekannte schienen mir dafür zunächst erst recht ungeeignet. Ich habe mir also vorgenommen, ihm bei einem Besuch die Wahrheit über mich zu erzählen. Nur habe ich jedesmal im entscheidenden Augenblick gezögert und es einfach nicht fertig gebracht, ihm die ganze Wahrheit über mich zu erzählen. Das hat dann oft dazu geführt, dass ich total unzufrieden und gereizt war und ich mich auf irgendwelche Ersatzthemen wie Politik o. ä. stürzte. Dabei habe ich mich sehr oft regelrecht heiß geredet und in Aggressionen hineinsteigert und dadurch meinen Bruder und dessen Freundin zuweilen sehr verärgert.

Ich merkte also, dass dieser Weg wohl eine Sackgasse war und ich musste eine andere Möglichkeit finden. Nach einigen Überlegungen beschloss ich, ihm zu seinem 34. Geburtstag Ende 1998 ein Modem zu schenken. Im Januar 1999 schickte ich ihm dann per E-mail eine umfangreiche Erklärung meines Zustandes. Zuerst bekam ich darauf wochenlang keine Antwort, traute mich aber auch nicht, dort anzurufen. Nach einiger Zeit bekam ich dann eine E-mail, in der er mir versicherte, trotz aller Probleme, welche er mit meiner Transsexualität doch hätte, nicht den Kontakt zu mir abbrechen zu wollen. Das hat mich damals riesig gefreut und ich bereitete mich innerlich schon auf einen regen Gedankenaustausch per E-mail vor. Ich wurde aber leider enttäuscht. Es kam einfach kein Dialog zustande. Zunächst dachte ich, dass die Problematik meiner Transsexualität das Verständnis und die Toleranz meines Bruders trotz gegenteiliger Beteuerungen überfordert haben könnte. Aber Genaueres wusste ich trotzdem nicht.

Eine besonders eigenartige Situation trat ein, als ich im Sommer 1999 nach einer mehrwöchigen Fahrradtour durch Frankreich auf der Rückreise bei ihm für eine Übernachtung Zwischenstation machte. Wir hatten uns an diesem Tage ausgiebig über alles Mögliche und Unmögliche unterhalten, aber dieses eine Thema blieb sowohl von mir als auch vom ihm unerwähnt. Ich habe mich zwar über unser damaliges Wiedersehen gefreut, aber unsere Sprachlosigkeit auf dem meine Gedanken damals und auch heute noch in starken Maße beherrschenden Feld hat mich sehr unzufrieden gemacht. So vergingen dann noch einige Monate, ohne dass etwas Entscheidendes passierte.

Im November 1999 hielt ich es dann nicht mehr aus und ich rief ihn trotz meiner Abneigung gegen Telefongespräche einfach an. Wir haben dann auch sehr lange über alles gesprochen. Es war ein sehr offenes Gespräch und ich fragte mich anschließend, warum ich nicht vorher schon längst einmal zum Hörer gegriffen hatte. Das Ergebnis des Gesprächs war dann, dass ich zu seinem Geburtstag im Dezember 1999 eingeladen wurde. Ich erklärte ihm, dass ich natürlich als Frau kommen würde, was er auch akzeptieren konnte. In den folgenden Tagen hatte ich ziemliches Lampenfieber, schließlich sollte es das erste Mal sein, dass mich jemand, der mich bisher nur als Mann kannte, in weiblichem Outfit zu sehen bekommt. Ich fuhr also die 300 km dort hin, hielt kurz vor dem Ziel noch mal, um mein Make up und meine Haare ein letztes Mal in Ordnung zu bringen. Ich wäre vor Aufregung fast zersprungen, als ich dann vor der Tür stand. Als wir uns gegenüber standen und uns anschauten, war zumindest bei mir die Aufregung auf einmal wie weggeblasen. Sein Blick vermittelte mir ein Gefühl von Vertrautheit, keine erkennbare Befremdlichkeit! Dann kam auch noch die etwas lockere Bemerkung: "Das erste Mal, dass ich dich stilvoll gekleidet sehe", welche ich als Kompliment auffasste. Von da an war die Atmosphäre vertraut, fast wie von früher gewohnt. Auch seine Freundin begrüßte mich ganz normal und alle meine Befürchtungen, dass eine etwas verkrampfte Stimmung entstehen könnte, hatten sich nun endgültig zerstreut. Das einzige Problem, welches sich an diesem Wochenende herausstellte, war die Tatsache, dass ich ständig über mich und meine Transsexualität zu sprechen begann und so trotz allem Interesses wegen der Dominanz dieses Themas gelegentlich für leichte Verstimmungen sorgte. Ich glaube aber, dass man mir das schon verziehen hat, schließlich war ich ja das erste Mal als Frau dort. Seitdem kann ich den Umgang mit meinem Bruder als fast normal bezeichnen. Lediglich ein wenig Zeit wird erforderlich sein, um auch die letzten kleinen Vorbehalte (oder was davon noch übrig geblieben ist) zu beseitigen.



Petra, eine neue Freundin - die beste die ich je hatte

Im Oktober 1999 lernte ich durch das Internet eine andere Transsexuelle aus Bonn kennen, die gerade in dieser Zeit ihre Operation hatte. Sie war also schon viel weiter auf dem Weg, den ich erst noch gehen wollte. Durch sie habe ich viele wertvolle Informationen und Ratschläge erhalten. Nicht zuletzt der Beginn der Psychotherapie wegen meiner Identitäts-probleme (welche ich genaugenommen gar nicht mehr so als Probleme sah, ich war mir schon ziemlich sicher, wo der Weg letztendlich hinführen sollte) kam durch sie zustande, indem sie mir eine geeignete Therapeutin in Frankfurt empfahl.

Durch sie lernte ich dann etwas später auch Petra H. kennen, welche inzwischen meine beste Freundin geworden ist. Ich weiß gar nicht, was ohne sie aus mir geworden wäre, hat sie mir doch so geholfen, wie kein anderer Mensch zuvor. Sie ist Engländerin (war früher Engländer) und lebt seit einigen Jahrzehnten in Deutschland. Da sie in der Nähe von Frankfurt wohnt, habe ich die Termine bei meiner Psychologin immer mit Besuchen bei Ihr verbunden. Auf diese Weise begann sich mein Lebensmittelpunkt allmählich von Nürnberg in Richtung Frankfurt zu verschieben. So habe ich durch Petra auch andere Mitbetroffene kennengelernt und bin dadurch auch seit März 2000 regelmäßig zu den monatlichen Treffen von Transsexuellen beiderlei Geschlechts nach Offenbach gefahren.



Offenbarung im Elternhaus

Im Januar 1999 war es dann soweit, dass ich mich meinen Eltern offenbarte. Dies war gar nicht so einfach, hatte ich doch zu ihnen über vier Jahre keinen Kontakt. Die Gründe dafür lagen in Missverständnissen und gegenseitigen Schuldzuweisungen, auf welche ich schon im Kapitel "Eltern" meiner Lebensgeschichte schon einmal eingegangen bin. Durch meinen Bruder haben sie aber (mit meiner Billigung) von meiner Transsexualität erfahren. Nur geschah dies zu einem Zeitpunkt, als ich noch keineswegs damit rechnete. Ich erfuhr dies erste einige Monate später, weil mein Bruder sich offenbar nicht traute, mir darüber Bescheid zu geben, erzählte mir aber, dass unsere Eltern entgegen meinen Befürchtungen trotzdem gern wieder Verbindung mit mir aufnehmen würden. Nach ein paar Tagen fasste ich mir also ein Herz und rief bei meinen Eltern an. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, nach Jahren wieder die Stimme meiner Mutter zu hören. Ich war also im Begriff, gerade riesige Erklärungen abgeben und einen umfangreichen Brief ankündigen zu wollen, als meine Mutter mich mit den Worten:" Komm doch einfach mal her!" unterbrach. Das hat mich schon überrascht, aber sehr angenehm.

Einige Wochen später fuhr ich also nach Leipzig. Dieser Besuch war für alle Beteiligten sicher alles andere als einfach. Wir erlebten ein Wochenende, das noch sehr stark von Verkrampfungen, gegenseitigem Unverständnis, ja sogar Enttäuschungen geprägt war. Meine Eltern machten sich Vorwürfe, was sie wohl falsch gemacht hatten. Es ist wohl ziemlich schwierig, jemanden von diesem Holzweg abzubringen. Zusätzlich habe ich durch meine Ungeduld und mein Unverständnis für die Probleme, welche meine Eltern mit meiner Transsexualität hatten, auch noch eine Menge Porzellan zerschlagen. Es gab aber auch Lichtblicke. So hatten meine Eltern entgegen meinen Befürchtungen keine Angst, sich mit mir in der Öffentlichkeit, also in der Nachbarschaft, wo sie viele Leute kennen, blicken zu lassen. Wir gingen dann auch zum Essen in ein Lokal, wo meine Eltern auch bekannt sind. Ich glaube, ich muss meinen Eltern wirklich sehr dankbar sein, weil ich weiß, dass sie zumindest damals noch riesige Probleme hatten (und wohl, wenn auch inzwischen weniger, immer noch haben)

Einige Monate später wollte ich anlässlich eines Besuches bei Bekannten in Leipzig zu einem kurzen Besuch auch bei den Eltern vorbeikommen und telefonierte vorher noch mit meiner Mutter. Dabei haben wir uns aber wieder furchtbar gestritten, dass ich erst gar nicht mehr kommen wollte. Heute glaube ich aber, dass genau dieser Streit zumindest bei mir eine Wende eingeleitet hatte. Bei dem Besuch hatten wir uns alle wohl noch unter dem Eindruck des vorangegangenen Streites, den niemand von uns wirklich wollte, ein beträchtliches Maß an Zurückhaltung auferlegt. Sowohl meine Eltern, aber vor allem auch ich selbst haben einfach mal versucht den jeweils anderen einmal ausreden zu lassen und auch zu verstehen und nicht rechthaberisch auf zwar möglicherweise richtigen Standpunkten zu beharren, aber so das Klima zu vergiften. Der Ton macht nun mal die Musik! Ich glaube, diese Einsicht hat enorm zur Entspannung des Ganzen versucht hatten, für mich Verständnis aufzubringen. Sie haben die Zeit zwischen den beiden Besuchen zu meiner großen Freude und auch ein wenig Erstaunen dazu genutzt, ihr Wissen über Transsexualität und alle damit verbundenen Probleme zu vergrößern. Dadurch kapierte ich endlich, dass ich für meine Eltern mindestens genauso viel Verständnis aufbringen müsste, wie ich es umgekehrt auch von ihnen mir gegenüber erwartete. Ich glaubte, dass das Verhältnis zu meinen Eltern inzwischen auf einem richtigen, wenn auch noch sehr langem Weg sei. Meine Eltern begannen, sich allmählich auf die neue Situation einzustellen und es schien ihnen zu gelingen, inzwischen eine gewisse Normalität in unser neues Verhältnis zu bringen. Ein Beispiel dafür ist, dass sich die Anrede auf den Urlaubskarten an mich Stück für Stück veränderte. Nachdem am Anfang noch "Herr Matthias Lindner" draufstand, änderte zu "Frau Angelika Lindner". Tief bewegt war ich, als ich eine Weihnachtskarte erhielt, auf der nicht nur die Anschrift "Frau Angelika Lindner" stand, sondern wo ich auch zum ersten mal im Text die Anrede "Liebe Angelika" las. Das hat mir fast die Tränen in die Augen getrieben, denn es war die Schrift von meinem Vater, welcher mit meiner Veränderung wohl noch viel mehr Probleme als meine Mutter hat.



Schock-Outing in der Volkshochschule

Wegen meiner geplanten Südamerika-Reise besuchte ich einen Spanisch-Kurs an der Volkshochschule in Nürnberg. Ich überlegte schon lange, wie ich dort den Wechsel bewerkstelligen sollte. Ich beschloss, entgegen meiner sonstigen Einstellung, die direkteste und härteste Lösung, nämlich vollendete Tatsachen zu schaffen. Ich bin an dem betreffenden Unterrichtstag extra etwas später gekommen, um sicher zu gehen, dass ja auch alle Kursteilnehmer anwesend waren. Als ich in weiblichem Outfit den Klassenraum betrat und so alle Blicke auf mich zog, sagte ich: "Ich möchte den Herrn Matthias Lindner vom Kurs abmelden. Stattdessen wird in Zukunft Frau Angelika Lindner am weiteren Unterricht teilnehmen." Ich setzte mich hin und es war erst einmal sehr still im Unterrichtsraum, bis so langsam der Unterricht begann. In der Pause wurde ich dann mit Fragen bombardiert, aber interessanterweise nur von den weiblichen Kursteilnehmern. Die männlichen Zeitgenossen hielten sich zurück, hörten aber interessiert zu. Danach gab es fortan dort keinen Matthias mehr, sondern nur noch Angelika. Das hat mich dann doch sehr angenehm überrascht.


Die Umstellung am Arbeitsplatz

Im März 2000 war es dann so weit. Mit dem Outing in der Firma wollte ich den sozialen Umstieg endgültig abschliessen. Seit Ende des Jahres 1999 habe ich nämlich nur noch am Arbeitsplatz die "männliche" Rolle aufrechterhalten. Im privaten Bereich lebte ich inzwischen ausschließlich als Frau. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis ich irgendwann einmal von einem Kollegen erkannt würde. Und genau das passierte dann auch. Beim Einkaufen sah ich eine Kollegin von weitem und sie mich wohl auch. Ich habe mich sofort weggedreht und hoffte, sie hätte mich nicht erkannt. Am nächsten Tag sagte sie auch nichts zu mir und ich dachte, der Fall wäre erledigt. Gleichzeitig war ich aber auch ein wenig enttäuscht darüber. Ein paar Tage später hielt sie sich auffällig oft in meiner Nähe auf, sagte aber nichts. Ich merkte, dass sie irgend etwas sagen wollte, aber ein wenig verunsichert schien. Schließlich fasste sie sich ein Herz und meinte:" Du, sag mal, kann ich dich mal was fragen?" "Na klar!" sagte ich und ahnte, was jetzt wohl kommt. "Warst du vor ein paar Tagen im Marktkauf?" "Ja, na klar." "Und du warst als Frau verkleidet?" "Nein, nicht verkleidet, aber ich muss Dir die Sache mal erklären..." und ich erzählte ihr meine halbe Lebensgeschichte. Ich fühlte mich dadurch förmlich von einer Zentnerlast befreit und wir hatten seitdem ein besonders gutes Verhältnis, was sich auch darin äußerte, dass wir uns fortan auch hin und wieder mal privat trafen. Ich glaube, es war ein Glücksfall, dass ausgerechnet sie mich "erwischt" hatte. Das hat letztlich mein bevorstehendes Outing in der Firma erleichtert. Dieses wurde dann auch wirklich langsam nötig, da mich inzwischen auch schon einige andere gesehen hatten. Ich überlegte wochenlang, wie ich diesen Schritt angehen sollte. Am besten erschien mir die Idee von einem Rundschreiben an alle Kollegen, welche ich von einer anderen Transsexuellen hatte. Ich überlegte mir also einen geeigneten Text, setzte zur Untermalung noch ein paar Bilder hinein und druckte das Ganze dann 30 mal aus. Zuerst suchte ich meinen Chef auf, um ihn vorab zu informieren. Nach dem Lesen schaute er mich erstaunt an, sagte aber nach einigen Überlegungen, dass es da ja prinzipiell keine Probleme geben dürfte, zumal ja auch andere Frauen diese Tätigkeit verrichten. Ich verteilte also am nächsten Tag meine Briefe und beantwortete einige Fragen und gab meinen Ausstand als Matthias. Am nächsten Tag erschien ich in weiblichem Outfit (soweit das unter Berücksichtigung des Arbeitsschutzes möglich war) und gab meinen Einstand als Angelika. Das alles erschien relativ problemlos, was es ja eigentlich auch war. Die eigentlichen Schwierigkeiten, nennen wir sie mal die Mühen der Ebene, begannen nun erst noch. Ständig wurde ich, wenn auch nicht absichtlich, mit dem falschen Namen angesprochen, wurde ich in der dritten Person als "er" bezeichnet und bemerkte auch sonst, dass niemand so recht eine Frau in mir sehen konnte. Ich merkte, dass das Outing nicht der Abschluss, sondern wohl erst der Beginn des sozialen Umstieges gewesen ist. Diese Erkenntnis war zwar sehr schmerzlich, aber wohl auch nötig, um mich vor allzu großen Illusionen zu bewahren.

nächstes Kapitel:
Kapitel 10 - Der Umstieg wird nun ernst und endgültig

Hier sind alle Kapitel im Überblick und über Links erreichbar:
Kapitel  1 - Kindheit Kapitel  6 - Flucht in den Westen Kapitel 11 - Mein Berufsleben
Kapitel  2 - Pubertät und Jugendzeit Kapitel  7 - Versuch eines Neuanfangs Kapitel 12 - Gesundheitliche Rückschläge
Kapitel  3 - Mein Elternhaus Kapitel  8 - Standortbestimmung
Kapitel  4 - Das "verlorene Jahrzehnt" Kapitel  9 - Der soziale Umstieg
Kapitel  5 - Die letzten Jahre in der DDR Kapitel 10 - Der endgültige Umstieg

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