Kapitel 10 - Der Umstieg wird nun ernst und endgültig

zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2009


Erste offizielle Schritte

Gleichzeitig mit dem sozialen Umstieg zu einem Leben als Frau nahm ich nun juristische, später auch medizinische Schritte mit dem Ziel der endgültigen Veränderung in Angriff. Was vorher viele Jahre andauerte, ereignete sich nun gemessen daran rasend schnell. Nachdem ich schon im November 1999 bei einer Frankfurter Psychologin wegen meiner Transsexualität in Behandlung war, kamen nun weitere konkrete Maßnahmen auf die Tagesordnung. Das waren zuerst einmal die Änderung meines Vornamens und der Beginn einer Behandlung mit weiblichen Hormonen


Nun auch offiziell ANGELIKA

Im Januar des Jahres 2000 stellte ich beim Amtsgericht Nürnberg den Antrag, meinen Vornamen von Matthias auf Angelika Lindner ändern zu lassen. Dafür sind zwei voneinander unabhängige Gutachten nötig. Die Gutachter kann man selbst vorschlagen, beauftragt werden diese aber vom Gericht. In meinem Falle hat das Gericht die von mir selbst vorgeschlagenen Gutachter akzeptiert. Das war zum einen meine damalige Therapeutin, bei der ich seit November 1999 in Behandlung war und zum anderen ein ihr bekannter Psychiater. Die Erstellung der Gutachten fiel in eine Zeit, in der ich gerade meinen sozialen Umstieg mit dem Outing in der Firma abschloss. Es gab also nicht mehr die geringsten Zweifel Ÿüber meinen Weg und dementsprechend fielen dann auch die Gutachten aus. Im Juni 2000 hatte ich dann die Anhörung vor Gericht, die entgegen meinen BefŸürchtungen völlig locker und entspannt verlief. Für den Richter schien die Sache klar und er erklärte mir, wann ich mit dem Bescheid rechnen könnte. ŸÜber den Inhalt desselben schien er keinen Zweifel zu haben, seien doch die Gutachten eindeutig und auch der Eindruck, den ich auf ihn machte, muss wohl ziemlich überzeugend gewesen sein. Ich erhielt also im Juli 2000 den Gerichtsentscheid Ÿüber die Vornamensänderung, während die Rechtswirksamkeit zwei Wochen später, also Anfang August 2000 eintrat. Ich habe dann sämtliche Papiere umschreiben lassen. Ein kleines Problem gab es nur beim Reisepass. Da ja nur mein Vorname, nicht aber der Geschlechtseintrag in meiner Geburtsurkunde geändert wurde (Dafür ist die Operation nötig), hätte in meinem Pass zwar mein Name Angelika Lindner gestanden, aber eben auch der Geschlechtseintrag "männlich". Mit so einem Pass wollte ich nicht herumlaufen. Ich beantragte daher einen grünen Pass, weil dieser keinen Geschlechtseintrag enthält. Diese grünen Pässe sind eigentlich Behelfspässe und werden daher nur für ein Jahr ausgestellt. Aber in Ausnahmefällen, wozu Leute wie ich ja wohl zählen, ist auch eine Gültigkeit von bis zu 10 Jahren möglich. Leider meinte auf dem Einwohnermeldeamt in Nürnberg niemand, von dieser Regelung etwas zu wissen und ich musste erst eine E-mail an das Innenministerium in Berlin schicken. Danach funktionierte die Sache dann reibungslos. Ein weiteres Problem hatte ich mit meinem Sozialversicherungsausweis. Es wurde einfach nicht auf meinen schriftlichen Antrag auf einen neuen Ausweis reagiert. Nach einigen Monaten habe ich diesen dann kurzerhand als verloren gemeldet und prompt bekam ich einen neuen, einschließlich der Änderung meiner Sozialversicherungsnummer, welche ja geschlechtsspezifisch ist.

Somit fehlte mir im Prinzip nur noch die Personenstandsänderung, welche aber erst nach der weitgehenden körperlichen Angleichung, also der Operation, erfolgen konnte. Mein damaliger Zustand war eigentlich etwas sehr Eigenartiges, was im ansonsten so strengen und genauen deutschen Rechtssystem kaum vorstellbar erscheint. Ich hatte einen weiblichen Namen, entsprechende Papiere und das Recht auf die entsprechende Anrede (z. B. "Sehr geehrte Frau Lindner..."), war aber gesetzlich immer noch "männlich", weil eben der Personenstand noch nicht geändert war. Heiraten hätte ich in meinem damaligen juristischen Zustand faktisch gar nicht können. Einen Mann hätte ich nicht heiraten dürfen und für die Heirat mit einer Frau (was ich ja sowieso nicht wollte) hätte ich vorher die Vornamensänderung rückgängig machen lassen müssen. Auch im Falle einer Haftstrafe wŠäre ich in ein Männergefängnis gekommen. Was das bedeuten würde, kann sich ja wohl jeder ausmalen. Allein schon aus diesen Gründen strebte ich zum baldestmöglichen Zeitpunkt eine Änderung dieses Schwebezustandes an, obwohl ich eine solche Möglichkeit niemals in meine Lebensplanung einschloss. Aber man kann ja nie wissen...



Erste medizinische Maßnahmen

Im Januar 2000 begann mit anfangs leichter Dosierung eine Behandlung mit weiblichen Hormonen. Daraufhin begannen sich langsam und allmählich einige Veränderungen einzustellen. Die körperlichen Auswirkungen waren die Verlangsamung des Wachstums der Gesichts- und Körperbehaarung, die Haut wurde weicher, die Fettverteilung änderte sich und Brustwachstum setzte ein. Daneben gab es aber auch noch Veränderungen im emotionalen Bereich. Ich empfand viele Emotionen wesentlich tiefer und intensiver, aber es stellten sich auch enorme Gefühlsschwankungen ein. Es gab Zeiten, da stellten sich (erstmals in meinem bisherigen Leben) Depressionen bis hin zu Selbstmordphantasien ein. Dann kamen wieder Phasen der völligen Euphorie, in denen ich die ganze Welt hätte umarmen können. Ich konnte wieder weinen, was ich vorher nur als Kind in Erinnerung hatte. Kurz und gut: Ich wurde gefühlsbetonter und sensibler und fand das gut.


Der Wechsel wird unumkehrbar

Gegen Ende des Jahres 2001 waren alle Dinge erledigt, die für meine geplante Operation nötig waren. So bin ich am Montag, dem 19. 11. 2001, ins Markus-Krankenhaus in Frankfurt gekommen, nachdem ich ursprünglich erst am darauffolgenden Dienstag eingewiesen werden sollte. Aus irgendwelchen organisatorischen Gründen ist mein Operationstermin um zwei Tage vorgezogen worden.

Zuerst habe ich einmal die Aufnahmeformalitäten über mich ergehen lassen müssen. Es folgten ein ausführliches Gespräch mit einem Arzt aus dem Team von Prof. Sohn über den Verlauf und die möglichen Risiken der Operation, sowie ein umfangreiches Gespräch mit dem Anästhesisten. Es gab dann auch noch die Prozedur der vollständigen Darmentleerung durch Einnahme von 2 Litern einer nicht besonders wohlschmeckenden Flüssigkeit. Die Unterbringung erfolgte in einem ganz normalen Zimmer mit anfangs drei anderen ("gebürtigen") Frauen.

Am nächsten Tag wurde ich um 7:00 Uhr förmlich aus dem Bett geworfen und erst einmal im Genitalbereich gründlich rasiert. Dann musste alles ganz schnell gehen, weil ich um 7:30 Uhr zum Operationssaal gefahren wurde, nachdem ich mich vorher noch Duschen, eine Beruhigungstablette nehmen und die Op.-Sachen (Op.-Hemd, Thrombosestrümpfe, Kopfbedeckung) anziehen musste. Dann ging es los. Ich wurde in den Operationssaal gebracht, dort über eine Art Tresen auf so etwas Ähnliches wie ein Backblech gehievt und von da an fehlt mir jede Erinnerung. Diese setzte erst wieder um etwa 13:30 Uhr ein, als ich im Aufwachraum zum ersten Male zu mir kam. Um 15:00 Uhr wurde ich wieder auf mein Zimmer gefahren, wo meine Freundin Petra schon auf mich wartete. Ich muss bei ihrem Anblick "Ich habe es geschafft" oder so etwas Ähnliches gemurmelt haben, zumindest erzählte sie mir später etwas davon. Sie rief dann auch von ihrem Handy umgehend meine Eltern an, um ihnen zu versichern, dass alles gut und ohne Komplikationen verlaufen war, nachdem sie sich vorher bei den Ärzten darüber vergewissert hatte. Sie blieb dann noch einige Stunden bei mir, in denen ich abwechselnd schlief und wieder aufwachte. Im Genitalbereich spürte ich nur einen großen Klumpen aus nicht lokalisierbarem leichtem Schmerz und einer Menge Taubheitsgefühlen. Ich konnte meine Beine noch nicht vollständig zusammenmachen und musste mir etwas zwischen die Knie klemmen, um überhaupt auf der Seite liegen zu können.

In der Nacht ließ die Narkose nach und die Schmerzen nahmen nun etwas zu, hielten sich aber trotzdem in Grenzen. Besonders interessant waren die Phantomschmerzen an Körperteilen, die ich nun gar nicht mehr hatte. Am nächsten Morgen war ich dann wieder richtig wach, konnte aber natürlich noch nicht aufstehen. Bei Prof. Sohn ist es üblich, dass erst mal 5 Tage Bettruhe verordnet werden, damit die Haut der Neovagina in aller Ruhe richtig anwachsen kann. Aber an diesem Tage war ich ansonsten schon recht fit und konnte auch Besuch empfangen, welcher dann auch eintraf.

Inzwischen kam auch eine andere transsexuelle Patientin in unser Zimmer, sodass wir nun inzwischen 5 Frauen in einem Raum waren. Sie hieß Pia, kam aus Mülheim an der Ruhr und war in meinem Alter. Sie wurde zwei Tage nach mir operiert, so dass sie durch mich immer den jeweils nächsten Behandlungsschritt zwei Tage im voraus sehen konnte.

Am darauffolgenden Donnerstag erfolgte dann der erste Verbandswechsel. Ich sah zum ersten Mal das Ergebnis und war irgendwie erschrocken, als ich zum ersten Male diese riesige offene Wunde sah. Aber die Ärzte sagten, dass sie so ein gutes Ergebnis schon lange nicht mehr gesehen hätten (es ist wohl Routine, bei einem guten Ergebnis so etwas zu sagen). Nicht besonders angenehm war das kurze Antippen meiner neuen Klitoris, welche aus der Spitze meiner ehemaligen Eichel einschließlich der dazugehörigen Blutgefäße und Nervenstränge hergestellt worden war. Ich wäre vor Schmerz fast bis an die Decke hoch gegangen. Dies war aber eher ein gutes Zeichen, zeigt es doch, dass die Nerven vollständig erhalten und die Durchblutung gesichert ist. Somit kann sich also auch später einmal an dieser Stelle ein gutes Lustempfinden einstellen. Dann wurden die Drainageschläuche gezogen, was auf der linken Seite (da laufen bei mir die Nerven fŸr die Klitoris) äußerst schmerzhaft war.

Am Samstag, aber auch an den vorangegangenen Tagen erhielt ich viel Besuch. Eine ganze Reihe von Bekannten aus Selbsthilfegruppen und Internet-Bekanntschaften waren dabei. Ich habe mich wirklich sehr gefreut, dass so viele Menschen Anteil an meinem Schicksal nehmen, nachdem ich in früheren Jahren ja kaum Freunde hatte. Ich sagte zu Pia scherzhaft, dass sie ja nun die halbe Transen-Szene aus dem Rhein-Main-Gebiet kennengelernt haben müsste.

Am Sonntag kamen meine Eltern zu Besuch. So harmonisch verlief ein Zusammentreffen mit ihnen noch nie, seit sie von meiner Transsexualität wissen. Schön war auch, dass sie sich mit Petra sehr gut verstanden haben. Ich hatte im Vorfeld einige Bedenken, aber zum Glück völlig umsonst, worüber ich sehr glücklich war. Es ist einfach ein schönes Gefühl, wenn die Menschen, die mir sehr wichtig sind, sich auch untereinander gut verstehen.

Am Montag kam dann die Stunde der Wahrheit. Der Stent, also der Platzhalter in der neugebildeten Vagina, wurde zum ersten Mal herausgezogen. Das Ergebnis war hervorragend, keine Nekrosen (abgestorbenes Gewebe), die Haut vollständig angewachsen, kurzum alles bestens. Von nun an musste ich vier mal am Tag für eine halbe Stunde bougieren (also mit dem Platzhalter die Vagina in Tiefe und Weite halten), was mir anfangs ziemlich gewöhnungsbedürftig erschien. Aber allmählich wurde das für mich zur Routine. Nun durfte ich auch endlich aufstehen und so wusch ich mir erst mal die Haare. Endlich konnte ich nun auch auf die Toilette gehen. Das Einzige, was jetzt noch fehlte, war das Wasserlassen. Ich hatte noch einen Katheter drin, welcher zwei Tage später abgeklemmt wurde. Nun hatte ich allerdings noch den Schlauch vom Katheter in der Blase, weil nach jedem Wasserlassen noch zuviel Restharn dort oben herauskam.

Aber das war kein Hindernis fŸr meine Entlassung am darauffolgenden Samstag, weil der Schlauch auch von meiner Hausärztin später herausgezogen werden konnte. Somit war ich insgesamt 13 Tage im Krankenhaus. Danach war ich noch 4 Wochen krankgeschrieben, so dass ich mit Beginn des neuen Jahres wieder zur Arbeit gehen konnte.

Abschließend kann noch gesagt werden, dass ich im Frankfurter Markus-Krankenhaus bei Prof. Dr. Sohn und seinem Team in sehr guten Händen war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Ärzte und das Pflegepersonal zu jeder Zeit wussten, was sie taten und sich alle Beteiligten durch ein Höchstma§ an Fachkompetenz und Professionalität auszeichneten. Dieser Eindruck verstärkte sich noch zwei Wochen später, als meine Frauenärztin äußerte, dass sich das Ergebnis sehen lassen kann. Ein Unterschied zu biologischen Frauen sei im Prinzip nicht erkennbar.



Der offizielle Abschluss des Prozesses

Im Januar 2002 stellte ich den Antrag auf Änderung des Geschlechtseintrages in meiner Geburtsurkunde beim Amtsgericht Frankfurt. Der Operationsbericht schien den zuständigen Richter von der weitgehenden Angleichung an mein Wunschgeschlecht Ÿberzeugt zu haben. So war keine Anhörung oder das Beibringen weiterer Unterlagen (z. B. Gutachten) nštig und nach nur sechs Wochen erhielt ich ein Einschreiben vom Gericht mit der endgültigen Entscheidung, dass ich nun mit allen Rechten und Pflichten dem weiblichen Geschlecht zugehörig bin. Was genau das für Rechte und Pflichten im Unterschied zu vorher waren, weiß ich zwar bis heute nicht, aber es las sich gut. Also hat der Wechselprozess alles in allem etwas mehr als zwei Jahre in Anspruch genommen. Diese zwei Jahre waren eine aufregende Zeit mit vielen Höhen und Tiefen. Heute blicke ich darauf mit einer gewissen Gelassenheit zurück und denke nur mit etwas Wehmut an die verlorenen Jahre, die diesem längst fälligen Wechsel vorausgingen.

nächstes Kapitel:
Kapitel 11 - Mein Berufsleben - ein Kapitel für sich

Hier sind alle Kapitel im Überblick und über Links erreichbar:
Kapitel  1 - Kindheit Kapitel  6 - Flucht in den Westen Kapitel 11 - Mein Berufsleben
Kapitel  2 - Pubertät und Jugendzeit Kapitel  7 - Versuch eines Neuanfangs Kapitel 12 - Gesundheitliche Rückschläge
Kapitel  3 - Mein Elternhaus Kapitel  8 - Standortbestimmung
Kapitel  4 - Das "verlorene Jahrzehnt" Kapitel  9 - Der soziale Umstieg
Kapitel  5 - Die letzten Jahre in der DDR Kapitel 10 - Der endgültige Umstieg

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