Kapitel 11 - Mein Berufsleben - ein Kapitel für sich

zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2009


Lehrzeit und erste Berufserfahrung

Meine Berufswahl fiel in die Zeit, als der Wunsch, zu mir selbst zu finden, noch ganz tief in meinem Inneren schlummerte und sich in meinem Bewusstsein auch noch gar nicht so klar artikulierte. Deshalb konnten diese Wünsche auch keinen Einfluss auf irgendwelche Vorstellungen von einem späteren Berufsleben haben. Es gab zudem eigentlich noch gar keine so rechte Vorstellung davon, wie mein Berufsleben einmal aussehen könnte. Ich ließ mich aus diesem Grunde eher treiben, als dass ich selbst bei meiner Berufswahl in irgendeiner Weise besonders aktiv gewesen wäre. Mir fehlte einfach der Ehrgeiz, der unbedingte Wille zu etwas ganz Bestimmtem. Meine Eltern, insbesondere mein Vater brachten mich schließlich dazu, dass ich einen "ganz normalen" und soliden handwerklichen Beruf, nämlich den eines Elektrikers ergriff. Die konkrete Berufsbezeichnung lautete "Elektromonteur". Dieser Beruf hatte damals in der DDR einen verhältnismäßig hohen Stellenwert und erforderte zumindest bei Mangel an Beziehungen einen relativ guten Notendurchschnitt in den Schulzeugnissen. Damit hatte ich eigentlich kein Problem, eher schon mit der Motivation, denn mein Traumberuf war das wirklich nicht. Im Prinzip interessierte ich mich kaum dafür, aber irgend etwas musste ich ja lernen und an Alternativen konnte ich damals auch kaum etwas anderes erkennen. Ich glaube, für einen schlechten Elektriker war ich zu intelligent, für einen guten hingegen fehlte mir einfach das Interesse. Dementsprechend verlief meine Lehrzeit als eher mittelmäßiger bis schlechter Lehrling. Auch als Jungfacharbeiter nach meiner Lehrzeit bei den Leipziger Verkehrsbetrieben, also dem örtlichen Straßenbahn- und Busunternehmen, riss ich nicht gerade Bäume heraus. Trotzdem habe ich mich mit dieser Firma einige Jahre lang sehr verbunden gefühlt, was sich darin äußerte, dass ich im Nebenjob nach meiner normalen Arbeit zusätzlich noch als Straßenbahnfahrer gearbeitet und auch hin und wieder Fahrscheine kontrolliert hatte. Das ging so einige Jahre, aber mit der Zeit gefiel mir die Arbeit, vor allem aber das Umfeld immer weniger. Dies beeinflusste in zunehmenden Maße auch mein Verhältnis zu den Vorgesetzten. Ich war einfach unzufrieden und so begann ich, nach einer anderen Tätigkeit zu suchen.


Erster Stellenwechsel

Im Alter von 22 Jahren wechselte ich zum ersten Mal die Arbeitsstelle. Ich fand eine Tätigkeit bei einer Firma, welche Galvanisieranlagen herstellte. Dort war ich als Elektriker im Musterbau tätig. Bei dieser Firma blieb ich sieben Jahre, so lange wie bisher noch bei keiner anderen Firma. Normalerweise hätte diese Arbeit sehr interessant sein können, da die Besonderheit des Musterbaues darin bestand, dass dort jede Berufsgruppe mit jeweils nur ein oder zwei Leuten vertreten war. Ich war der einzige Elektriker, folglich genoss ich gewisse Freiheiten, konnte mir doch keiner in meine Arbeit hineinreden. Ich hätte dort also im Prinzip zumindest theoretisch eine recht abwechslungsreiche Tätigkeit haben können, aber es gab einfach zu wenige Aufgaben. Die Auslastung der Abteilung war äußerst gering, weil einfach zu wenig Entwicklungsarbeit in dieser Firma betrieben wurde. Dadurch fühlte ich mich in beträchtlichem Maße unterfordert. Es wurde dort zudem in nicht unbeträchtlichen Maße dem Alkohol zugesprochen, auch ich war daran nicht immer unbeteiligt. Dieses fiel in die gleiche Zeit, die ich in Kapitel 7 als das "verlorene Jahrzehnt" bezeichnet hatte. Die Tristesse erstreckte sich auf alle Bereiche, auch auf das Arbeitsleben. Man sagte damals im für die DDR typischen Sarkasmus, dass der Unterschied zum Westen darin bestünde, dass dort die Arbeitslosen auf der Straße sitzen, bei uns hingegen in den Betrieben. Da war wirklich etwas dran, obwohl gelegentliche Montageeinsätze eine gewisse Abwechslung in die Langeweile brachten und auch meinen beruflichen Horizont in nicht unbeträchtlichen Maße erweiterten. Auch in dieser Firma hatte ich zunehmend Probleme mit dem Umfeld, insbesondere mit meinem Abteilungsleiter. Differenzen mit Vorgesetzten sollten sich wie ein roter Faden durch fast mein ganzes späteres Berufsleben ziehen, was wohl daran liegen mag, dass ich schon immer Probleme mit dem Anerkennen von Autoritäten hatte und immer noch habe. Rein rational weiß ich zwar, dass gewisse Hierarchien erforderlich sind, aber gefühlsmäßig bereitet es mir große Schwierigkeiten, mir vorschreiben zu lassen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich betrachte Vorgesetzte zumindest unbewusst immer als so etwas wie natürliche Feinde. Besonders große Schwierigkeiten hatte ich immer mit solchen Vorgesetzten, welche ich in ihrem Bildungsstand unterhalb des meinigen einstufte. Ich empfand und empfinde es heute noch immer als eine große Erniedrigung, von Leuten Vorschriften gemacht zu bekommen, die sich allenfalls durch eine Mischung aus Ellenbogen und Unterwürfigkeit ihre Position erschleimt hatten. In der DDR war der Nährboden für derart leistungsfeindliche Karrieremöglichkeiten besonders gut, obwohl ich später auch im Westen derartige Menschen in nicht unbeträchtlicher Zahl kennenlernen durfte


Erste berufliche "West"-Erfahrungen

Nach meiner Flucht in den Westen begann ich als Elektriker im Schaltanlagenbau zu arbeiten. Diese Tätigkeit bei einer Nürnberger Firma bestand darin, Schaltschränke für die Steuerung von Druckmaschinen und anderer Maschinen und Anlagen aufzubauen und zu verdrahten. Am Anfang hatte ich gewisse Befürchtungen, dass ich möglicherweise mit dem etwas anderen Arbeitsalltag im Westen nicht mithalten könnte, da ich ja vom Osten her eher die etwas langsamere Gangart gewöhnt war. Aber diese Befürchtungen sollten sich doch sehr schnell zerstreuen, die Arbeit lief zwar kontinuierlich und flott ab, aber es kam dadurch eben auch niemals Langeweile auf. Verschiedene Montageeinsätze in allen Teilen Deutschlands, in Belgien, Schweden und in den Niederlanden waren für mich als früher faktisch eingesperrten Ossi eine willkommene Abwechselung. Gleichzeitig erweckte zumindest im Falle von Schweden die Reisetätigkeit in mir den Wunsch, dieses Land auch einmal genauer kennenzulernen. So unternahm ich ja dann auch 1993 meine große Fahrradtour nach Skandinavien. Da ich diese Tätigkeit im Verlaufe der Jahre aber allmählich zunehmend immer weniger abwechslungsreich empfand, kam mir die Entlassung wegen Personalabbau im Jahre 1994 beinahe gelegen. Anfangs war ich zwar ziemlich niedergeschlagen, dass es nach mehreren Entlassungswellen nun auch mich erwischt hatte, aber ich begriff dieses gleichzeitig als eine neue Möglichkeit noch etwas mehr und etwas anderes kennenzulernen.


Nach meiner ersten Entlassung

Ich begann, bei einer Zeitarbeits-Firma als Elektriker auf Baustellen in ganz Deutschland zu arbeiten. Als sogenannter "Leiharbeiter" wurde man da an verschiedene Elekto-Firmen "verliehen" und verrichtete auf den Baustellen die gleichen Arbeiten wie die dort fest angestellten Mitarbeiter. Bald merkte ich jedoch, dass mich auch das wohl auf Dauer nicht befriedigen würde. Dieses ständige Herumgereichtwerden von einer Firma zur anderen, das ständige Hin-und Hergefahre ohne irgendwo wirklich Spuren hinterlassen zu haben, war einfach deprimierend. Deshalb empfand ich es folgerichtig nicht gerade als eine Katastrophe, als ich nach etwa einem Jahr infolge eines sehr heftigen Streites mit einem Kunden fristlos entlassen wurde. Das war die erste fristlose Kündigung, welche ich bis dahin erhalten hatte, aber ich nahm sie sehr gelassen, sogar mit einem Lachen zur Kenntnis. Ich weinte diesem Job keine Träne nach, war ich mir doch ziemlich sicher, dass ich jederzeit neue Arbeit zu finden in der Lage sein würde.


Nie wieder auf den Bau!

So war es dann auch. Wenige Tage später fand ich dann schon wieder Arbeit und zwar bei einen Elektro-Handwerksbetrieb in der Nähe von Nürnberg. Nun musste ich nicht mehr kreuz und quer durch Deutschland fahren, sondern war jeden Tag nach der Arbeit wieder zu Hause. Das kam mir damals sehr entgegen, da ich zu dieser Zeit zu meinem letzten erfolglosen Versuch ausholte, doch noch ein "ganz normaler Mann" zu werden. Dies sollte vor allem dadurch erfolgen, dass ich die "Frau für´s Leben" finden und eine Familie gründen wollte. Darüber hatte ich bereits in Kapitel 7 ausführlich berichtet. Nach dem kläglichen Scheitern dieser Schnapsidee und der endgültigen Erkenntnis, dass ich ein erfülltes Leben nur als Frau führen kann, begann ich innerhalb von 9 Monaten 40kg abzunehmen. Das wurde vor allem dadurch erleichtert, dass ich relativ schwere Arbeit hatte, mir gleichzeitig aber eine enorme Selbstdisziplin bei der Ernährung auferlegte. Die Arbeit selbst hat mir aber immer weniger gefallen. Als die Firma Anfang 1996 dann Konkurs anmeldete, war ich nicht sonderlich traurig darüber, einzig die Tatsache, dass ich meinen letzten Lohn erst ein halbes Jahr später in Form von "Konkursausfallgeld" vom Arbeitsamt bekam, hat mich vor einige finanzielle Probleme gestellt. Eines wurde mir nun auch klar: Ich wollte nie wieder im Handwerk oder auf dem Bau arbeiten, diese Art von Tätigkeit entsprach in keiner Weise meinen Vorstellungen. Aber ich bereue trotzdem nicht, diese Erfahrungen gesammelt zu haben.


Anregungen und Horizonterweiterung

Wenige Tage später habe ich wieder eine Tätigkeit aufgenommen, bei der ich fast ständig in ganz Deutschland und den Nachbarländern unterwegs war. Ich war als Service-Techniker meist allein und eigenverantwortlich für das Aufstellen und die Reparatur von Verpackungsmaschinen zuständig. Diese Arbeit war sehr interessant und vielseitig, bin ich doch in dieser Zeit sehr viel herumgekommen. So hat zum Beispiel ein Einsatz in Südfrankreich meinen Wunsch geweckt, auch dieses Land besser kennenzulernen. Deshalb unternahm ich in den Jahren 1997 und 1999 zwei Fahrradtouren von Deutschland bis an die französische Mittelmeerküste. Aber der Stress in diesem Job war beträchtlich, war ich doch Druck von zwei Seiten ausgesetzt, nämlich von Seiten der Kunden und meines Chefs. Dieses, nun auch noch gepaart mit dem inneren Stress infolge meiner Identitätskrise, führte letztlich dazu, dass ich nach etwa einem Jahr diese Tätigkeit durch spontane Kündigung wieder aufgab.


Erfolglose Suche nach einer beruflichen Heimat

Kurz darauf bin ich durch eine Zeitarbeits-Firma zu einer Tätigkeit im Hochspannungsbereich gekommen. Ich wurde bei der Firma Siemens im Prüffeld für Hochspannungstransformatoren eingesetzt und diese Arbeit hat mir sehr gefallen. Sowohl die Arbeit selbst, als auch die Kollegen und Vorgesetzten entsprachen genau meinen damaligen Vorstellungen. Ich hatte ja damals schon insgeheim und wohl eher unbewusst nach einem geeigneten beruflichen Umfeld für meinen sozialen Umstieg zur Frau gesucht. Dort hätte ich mir den Wechsel sehr gut vorstellen können. Aber leider hat man mich seitens der Firma Siemens nicht übernommen, da die Belegschaftsstärke dort ohnehin langsam und "sozialverträglich" reduziert wurde. Da gab es folglich keinen Spielraum für Neueinstellungen. Somit war nach etwa einem Jahr meine Tätigkeit dort beendet und ich wurde von meiner Zeitarbeits-Firma woanders eingesetzt, wo mir die Arbeitsbedingungen aber überhaupt nicht zusagten.


Der "soziale Umstieg" im Berufsleben

Somit kam mir am Beginn des Jahres 1998 das Angebot meines früheren Arbeitgebers, bei dem ich von 1990 bis 1994 tätig war, sehr entgegen, wieder im Schaltanlagenbau zu arbeiten. Da diese Arbeit verhältnismäßig sauber und nicht allzu schwer war, habe ich da auch schon an die Machbarkeit meines sozialen Umstieges gedacht. Die Gedanken daran begannen immer konkreter zu werden, obwohl dann schließlich doch noch zwei Jahre bis zu diesem Schritt vergingen. Zuerst wunderten sich die Kollegen, welche mich ja noch von früher her kannten darüber, wie ich mich inzwischen verändert hatte. Ich hatte mir inzwischen längst den Vollbart abrasiert, hatte 40 kg abgenommen, meine Haare waren ziemlich lang und zudem noch blondiert. Einmal wurde scherzhafterweise gesagt, dass ich wie eine Frau aussehen würde. In diesem Moment hatte ich schon überlegt, die Karten offenzulegen, aber das war dann doch noch etwas zu früh. Ich hatte damals nur einen befristeten Arbeitsvertrag, den man ja ohne Angabe von Gründen kurzerhand hätte auslaufen lassen könnte. Ich wollte aber vollständig übernommen werden und musste somit noch eine Weile warten, bis ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekam. Mir gefiel die Arbeit und das Umfeld gemessen an dem, was ich in meinem bisherigen Berufsleben schon erlebt hatte, ganz gut. Nur der Chef behagte mir nicht sonderlich, handelte es sich bei ihm doch um einen nach oben gefallenen einfachen Arbeiter, der sich durch eine Mischung aus Geltungsbedürfnis und Unterwürfigkeit nach oben "geschleimt" hatte. Er besaß nur eine mäßige Allgemeinbildung und ich hatte im Prinzip vor ihm keinen Respekt.

Im März des Jahres 2000 kam dann also die spannende Zeit meines Outings in der Firma, wor&über ich im vorigen Kapitel ja bereits ausführlich berichtet hatte. Zuerst war ich froh, endlich diese Last losgeworden zu sein. Aber nun begann ich, auch die negativen Seiten des Ganzen zu erkennen. Man hat zum Beispiel allen Ernstes von mir verlangt, weiterhin die Herrentoilette und -umkleideräume zu benutzen. Dazu gab es sogar extra eine schriftlich formulierte "Gesprächsnotiz" , welche jeglicher rechtlicher Grundlage entbehrte. Man begründete dies damit, dass die weiblichen Mitarbeiter erklärt hätten, dass sie meine Anwesenheit in ihren Räumen nicht dulden wollten. Das hat mich insofern überrascht, als ich vorher mit jeder einzelnen von ihnen darüber gesprochen hatte und keine Ablehnung erfuhr. Von einer Kollegin erfuhr ich dann aber, wie das Ganze zustande kam: Man zitierte jede einzeln zur Geschäftsleitung und ließ bei dem Gespräch dann durchblicken, wie (nämlich ablehnend) man seitens der Geschäftsleitung der Sache gegenüber stehe. Aber beweisen lässt sich da natürlich nichts mehr. Als ich mich weigerte, weiterhin die Männerumkleideräume zu benutzen, wurde mir dann großzügigerweise die Möglichkeit eingeräumt, mich in einer extra freigeräumten Rumpelkammer umzukleiden. Natürlich habe ich seitdem trotzdem die Damentoilette benutzt, nur musste ich dies eher heimlich tun. Nach meiner Namensänderung erzielte ich dann noch mal einen "Teilerfolg" und ich durfte, da es bei uns zwei Damentoiletten gab, eine bestimmte, aber eben nur diese, benutzen. In der darauf folgenden Zeit bemerkte ich auch zunehmend, dass die Akzeptanz eben nicht ganz so groß war, wie es am Anfang schien. Seitens meines Chefs begann eine Art Sonderbehandlung Platz zu greifen, die zunehmend die Züge von Mobbing anzunehmen begann. Ich wurde oft wegen Kleinigkeiten zur Rede gestellt, wie sonst niemand in der ganzen Abteilung. Ich bekam fast nur noch Arbeiten, bei denen ich allein arbeiten musste. Dadurch kam ich nur noch schwer mit anderen Kollegen ins Gespräch. Trotzdem wurde mir unterstellt, ich würde seit jenem Tage nur noch "herumquatschen" und meine Arbeitsleistung sei zurück gegangen, obwohl eher das Gegenteil der Fall war. Wenn ich ihn mal etwas fragen wollte, hatte er nie Zeit, obwohl es dabei nur um die Arbeit ging, während er mit anderen gleichzeitig ausgedehnte Gespräche z. B. über Autos führte. Irgendwann (ein halbes Jahr nach meinem Outing) kam dann das, was kommen musste. Nachdem er mich wieder einmal wie ein dummes kleines Kind stehen ließ, schrie ich ihm hinterher: "Du blödes Arschloch!", was natürlich gleichbedeutend mit dem Ende meiner Karriere bei dieser Firma war.

Übrigens wurde auf die Schilderung dieser Vorgänge seitens der Firma mit massivem Druck auf mich reagiert. Jedoch wüsste ich nicht, was an den von mir erlebten Mobbing-Tatbeständen unzutreffend sein sollte. Auch die Meinung, welche ich über meinen damaligen Chef geäußert habe, sehe ich in keinster Weise korrekturbedürftig. Deshalb weise ich alle Ansinnen auf das Entschiedenste zurück, welche die inhaltliche Änderung meiner Schilderungen zum Ziel haben. (Angelika Lindner, 28. 08. 2003)



Weggang aus Nürnberg - eine neue Chance

Zunächst war ich ob dieser von mir als große Niederlage empfundenen Situation sehr niedergeschlagen. Ich wusste nicht, wie es nun weiter gehen sollte. Wichtig war in diesem Moment, dass meine beste Freundin Petra zu mir stand und mir vorschlug, zu Ihr nach Neu-Isenburg bei Frankfurt zu ziehen. Heute kann ich sagen, dass sich mir durch diesen Bruch gleichzeitig eine Chance für einen Neuanfang bot, welche ich nach anfangs beträchtlichen Schwierigkeiten nun inzwischen dafür genutzt habe, sowohl meinen Wohnort vom eher spießigen Nürnberg ins wesentlich weltoffenere Frankfurt (ja, eigentlich Neu-Isenburg, aber das liegt ja ziemlich nahe dran) zu verlegen und gleichzeitig mein berufliches Umfeld vollständig zu verändern.

Zuerst versuchte ich noch einmal, in einer artverwandten Branche Fuß zu fassen, indem ich bei einer Freundin (ebenfalls eine Transsexuelle) zu arbeiten begann, die in der Nähe von Frankfurt eine kleine Firma für Alarm-, Brandmelde- und Telefonanlagen besaß. Aber schon nach zwei Wochen wurde ich mir der Tatsache bewusst, dass ich überhaupt kein Interesse an einem technischen Beruf und vor allem dem damit verbundenen Umfeld mehr hatte. Das ist mir mitten in der Arbeit spontan klar geworden und ich sagte zu meiner Freundin und Chefin, dass es einfach nicht mehr geht. Genau genommen hatte ich diese Abneigung schon sehr lange, nur konnte ich mir einen so radikalen Wechsel früher nie so recht vorstellen. Dadurch, dass sich aber inzwischen so vieles verändert hatte, begann der Gedanke nun greifbare Gestalt anzunehmen.



Völlige berufliche Umorientierung

Ich hatte schon immer mit einer gewissen, damals für mich nicht näher erklärbaren Sehnsucht auf die Frauen in den Büros gesehen. Eine derartige Tätigkeit erschien mir nun immer erstrebenswerter. Was mich davon bisher abgehalten hatte, war die Tatsache, dass ich ja nichts dergleichen gelernt hatte und ich eben über Fachwissen und langjährige Berufserfahrung nur in meinem erlernten Beruf als Elektriker verfügte. Deshalb kam wohl erst mal nur eine ungelernte Tätigkeit im Büro in Betracht. Dies machte mir aber inzwischen nichts mehr aus, hatte ich doch innerlich meine beruflichen Wurzeln längst gekappt. Ich war nun (endlich - muss ich heute sagen) bereit, noch einmal ganz neu von unten anzufangen. Ich wollte endgültig weg aus meinem bisherigen Trott, eben nie wieder Dreck, nie wieder ein fast rein männliches Umfeld mitsamt dreckiger Witze, Balzritualen den wenigen Frauen gegenüber, Hahnenkämpfen untereinander und, und, und... Ich hatte die Nase gestrichen voll davon!

Zuerst fand ich im Januar des Jahres 2001 eine Stelle bei einer Zeitarbeits-Firma, welche mich für eine Tätigkeit als Call-Center-Mitarbeiterin an American Express in Frankfurt verlieh. Das war natürlich eine ziemliche Herausforderung, so zwischen 100 und 120 mal am Tag zu sagen: "Guten Tag, American Express, mein Name ist Angelika Lindner..." und das mit einer nicht besonders weiblich klingenden Stimme. Aber im Laufe der Zeit lernte ich, meine Stimme zumindest zeitweise femininer klingen zu lassen. Ich experimentierte etwas und habe manchmal den Vornamen (und damit die eindeutige Geschlechtszuordnung) einfach weggelassen und bin zuweilen trotzdem als Frau Lindner angesprochen worden. Aber durchgehend gelingt es mir eben immer noch nicht. Es ist aber gut zu wissen, dass es trotzdem möglich ist. Nach wenigen Wochen war diese Karriere jedoch schon wieder beendet, weil meine Zeitarbeits-Firma den Vertrag mit American Express verloren hatte. Da ich extra für diesen Kunden eingestellt worden war und keine andere Arbeit für mich vorhanden war, wurde ich folglich wegen Arbeitsmangels wieder entlassen.

Ich begann also im Februar 2001 erneut mit der Suche und stieß dabei auf viel Ablehnung und Vorurteile. Natürlich wurde meistens gesagt, man hätte ja selbst keine Vorurteile, müsse aber auf die ach so konservativen Kunden acht nehmen. Außerdem hätte ich ja keine Ausbildung und auch keine Büroerfahrung. Die Krönung war, als mir bei einem Vorstellungsgespräch einmal vorgeschlagen wurde, es doch einmal in der Porno-Branche zu versuchen, schließlich sei dort ja die Toleranz recht groß. Ich habe mich hinterher bei der Geschäftsleitung dieser Firma beschwert und der Chef rief mich daraufhin persönlich an, um sich bei mir zu entschuldigen und mir zu versichern, dass der betreffende Mitarbeiter eine Abmahnung bekomme.

Ich versuchte, beim Arbeitsamt eine Umschulung zu beantragen, aber das war aussichtslos. Schließlich hätte ich ja einen Beruf, für den die Vermittlungschancen sehr hoch stünden. Man ließ mich nicht einmal mein Ansinnen begründen, obwohl ich von meiner Psychologin ein entsprechendes Schreiben dabei hatte. Ich suchte also weiter, während mir das Arbeitsamt fortwährend irgendwelche Angebote für Elektrikerstellen auf dem Bau bei verschiedenen Zeitarbeits-Firmen zuschickte. Dort hatte ich mich dann unter Androhung einer Sperrfrist für den Bezug des Arbeitslosengeldes zu bewerben.

Ich bewarb mich aber weiter nur für Stellen als Büroangestellte und wurde zu rund zwanzig Vorstellungsgesprächen eingeladen. Diese verliefen anfangs jedoch meistens alles andere als erfreulich. In dieser Zeit, obwohl sie nur drei Wochen andauerte, war ich total verzweifelt und ich begann, mich wertlos, zumindest aber unverstanden zu fühlen. Wollte denn niemand meine Motivation, meine Lernwilligkeit, meinen Willen, neue Wege zu gehen und nicht zuletzt meine halbwegs vorhandene Allgemeinbildung erkennen?! Es war so, als ob alles Glück dieser Erde nur für andere bestimmt wäre, ich fühlte mich nun vollends aus allem ausgeschlossen und war dem Selbstmord noch nie so nahe, wie in jenen Tagen des Jahres 2001.

Im Verlaufe dieser völlig frustrierenden Zeit des sich selbst überall Anbietens und Zurschaustellens begann ich aber langsam dazuzulernen. Ich merkte zum Beispiel, dass ich ja mit meiner Transsexualität nicht unbedingt hausieren gehen musste. Schließlich waren alle meine Papiere und früheren Arbeitszeugnisse bereits umgeschrieben und auch mein ä:ßeres Erscheinungsbild als Frau wurde immer besser. Manche merkten ES erst auf den zweiten oder dritten Blick, manche sogar überhaupt nicht. Ich glaube, dadurch haben sich meine Chancen spürbar verbessert und ich hatte dann irgendwann plötzlich mehrere Eisen im Feuer.



Erste Erfahrungen im neuen Abschnitt des beruflichen Werdeganges

Als ich bei einem kleinen Reiseveranstalter beim ersten Vorstellungsgespräch sofort einen Arbeitsvertrag angeboten bekam, der auch von seinen Konditionen her meine damaligen Erwartungen noch übertraf, habe ich dann zugegriffen. Ich hatte meine spätere Chefin am Ende des Gesprächs noch von meiner Transsexualität unterrichtet, aber sie hatte wohl nicht die geringsten Probleme damit und schien nur ein wenig überrascht. Inwieweit diese Überraschung gespielt war, vermag ich heute nicht zu sagen, aber sie schien jedenfalls kein Problem damit zu haben. Ich arbeitete also jetzt als Büroangestellte bei dieser Firma in Frankfurt in einem überwiegend weiblichen Umfeld, kam aber auch mit den wenigen Männern dort gut zurecht. Obwohl inzwischen sicher alle oder zumindest die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen mitbekommen haben dürften, dass ich nicht als Mädchen auf die Welt gekommen bin, kannte man/frau mich dort eben nur als Angelika oder als Frau Lindner und nicht als den ehemaligen "Matthias" oder den ehemaligen "Herrn Lindner". Ich glaube auch gemerkt zu haben, dass sich meine Kolleginnen mit mir auf eine Art unterhielten, wie sie es mit einem Mann oder auch einem "ehemaligen Mann" (also einem solchen, den sie noch als "Mann" kannten) wohl eher nicht tun würden. Sicher sah mich nicht jede(r) als eine "echte" Frau, aber als totale Außenseiterin fühtle ich mich in keinster Weise. Das war ein unendlich schönes Gefühl, welches ich vorher so nie gekannt hatte, ja auch so bisher nicht kennenlernen konnte.

Mittlerweile hatte ich festgestellt, dass Büroarbeit mir durchaus liegt und mir auch Spaß macht. Meine damalige Tätigkeit als "Mädchen für alles" füllte mich zwar vom Pensum her ziemlich aus, intellektuell fühlte ich mich aber nicht gerade überfordert. Kataloge einpacken, Kaffee kochen, Ablage, Post, Adressen schreiben und sonstige ungelernte Tätigkeiten betrachtete ich nicht als die Ausschöpfung aller meiner Möglichkeiten und schon gar nicht als den Endpunkt meiner beruflichen Entwicklung. Deshalb strebte ich in nächster Zeit an, den Berufsabschluss als Bürokauffrau in einem Abendkurs nachzuholen. Das Problem war nur, dass ich erst mindestens vier Jahre im Büro gearbeitet haben musste, ehe ich von der IHK zur Prüfung zugelassen werden konnte.

Aber ich war mittlerweile mehr denn je gewillt, diese Herausforderung anzunehmen, da ich nur so unabhängiger von den Launen irgendwelcher Vorgesetzten werden konnte. Inzwischen habe ich nämlich entdeckt, dass die anscheinend guten Konditionen in meinem Arbeitsvertrag, insbesondere die Höhe meines Gehaltes alles andere als ein Geschenk war. In Anbetracht der Arbeitsbedingungen, insbesondere die an den Frühkapitalismus erinnernde Behandlung der Mitarbeiter, betrachtete ich die Höhe meines Gehaltes allenfalls als angemessen. Ich würde sogar sagen, dass es am Ehesten als eine Art Schmerzensgeld zu betrachten ist. Ich erzählte meiner Freundin Petra jeden Tag von meiner Arbeit und sie bekam somit all meinen Frust und den ganzen Stress in meinem Job mit. Sie gab meinen beiden Chefinnen die Spitznamen "Frau Grausam" und "Frau Eiskalt". Ich fand das sehr treffend, denn die eine war eine von Frust zerfressene Misantropin, die andere (die mich eingestellt hatte) würde ich als eiskalte sozialdarwinistische Yuppie-Tussi bezeichnen. Zynischerweise könnte man sagen, dass die Behandlung durch diese beiden Super-Führungskräfte insoweit gerecht war, als dass alle Mitarbeiter gleich schlecht behandelt wurden. Ich habe noch nie so viel geschluckt und Ärger und Wut in mich hineingefressen, wie in meiner Zeit in dieser Firma. Ich wollte schon so oft die Brocken einfach hinschmeißen, aber mir dann immer wieder auf die Zunge gebissen. Einzig die Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich ein recht gutes Verhältnis hatte, hielten das Ganze für mich erträglich. So blieb ich immerhin länger in dieser Firma, als bei acht meiner bisher insgesamt dreizehn Arbeitgeber.



Wieder mal ein Wechsel

Aber dann passierte es doch: An einem Tage, an dem ich ohnehin ziemlich gestresst war (die Gründe waren wohl ein explosiver Cocktail völlig verschiedener gleichzeitig wirkender Umstände), verlor ich einfach die Nerven und verließ fluchtartig die Firma, rief vom Nachhauseweg aus meine Chefin an und sagte ihr, dass ich keine Lust mehr habe und schrieb dann zu Hause die fristlose Kündigung. Ich hatte einfach alles hingeworfen, was zweieinhalb Jahre sozusagen meine berufliche "Heimat" ausmachte. Obwohl ich in ein ziemlich tiefes Loch zu fallen drohte, sagten mir aber gerade diese "Entzugserscheinungen", dass ich diesen notwendigen Schritt eher zu spät als zu früh zu tun bereit war. Die Umstände der Beendigung des Arbeitsverhältnisses waren zwar alles andere als erfreulich, aber jede Niederlage (ob es eine war, wird sich erst noch erweisen) ist eine Veränderung, jede Veränderung ist aber auch gleichzeitig eine neue Chance. Ich werde alles dafür tun, diese zu nutzen und neue Herausforderungen anzunehmen. "Ich lasse mich doch von solchen kleingeistigen Krämerseelen nicht unterkriegen!", sagte ich mir damals.

Natürlich war die Zeit nicht gerade die günstigste für einen beruflichen Wechsel. Die Arbeitsmarktlage war mehr als angespannt. In einem halben Jahr schrieb ich 110 Bewerbungen, hatte etwa 25 Vorstellungsgespräche, aber das Ergebnis: nichts!

Auf der anderen Seite drohte mir eine Sperrfrist von drei Monaten. Das hieß, im Falle einer eigenen Kündigung konnte die Agentur für Arbeit (wie diese Institution ja nun hieß) das Arbeitslosengeld vorübergehend sperren. Ich musste also die Kündigung als völlig gerechtfertigt darlegen können. Mir gelang das, und ich hatte somit also wenigstens hier ein kleines Erfolgserlebnis.



Endlich die richtige Ausbildung

Gleichzeitig versuchte ich, meine nun erstmalig länger als 3 Wochen dauernde Arbeitslosigkeit für eine Berufsausbildung zu nutzen. Schließlich war die fehlende Ausbildung das Haupthindernis für einen richtigen Arbeitsplatz. Vom ersten Tage meiner Arbeitslosigkeit an brachte ich bei der Arbeitsagentur auf die Möglichkeit zu einer Umschulung zu drängen. Bei jedem Besuch brachte ich stereotyp die fehlende Ausbildung im kaufmännischen Bereich ins Gespräch, sodass mir im Januar 2004, also fünf Monate nach nach meiner Kündigung die Zusage für eine Umschulung zur "Kauffrau für Bürokommunikation" gemacht wurde, die im April 2004 beginnen sollte.

Inzwischen war aber ein Gehirntumor (vgl. Der Golfball und Kapitel 12 - Gesundheitliche Rückschläge) bei mir diagnostiziert worden. Dieser erwies sich später zwar als "gutartig", aber die Diagnose war trotzdem ein ziemlicher Schlag. Er war ungefähr so groß wie ein Golfball und drückte gegen das Kleinhirn. Wegen der schon erreichten relativen Größe erschien nur eine operative Entfernung sinnvoll. Da dachte ich also, dass ich mich im Februar in aller Ruhe ins Krankenhaus lege und danach beginnt meine Umschulung.

Dass die ganze Sache mir dann doch sehr zu schaffen machte, hätte ich vorher nie und nimmer gedacht. Mein Gesicht war halbseitig gelähmt, mein Gleichgewichtssinn empfindlich gestört, meine Stimme war grässlich entstellt und mein rechtes Ohr von nun an taub.

Nach der Operation und einem sechswöchigen Aufenthalt in einer Reha-Klinik begann ich aber dann trotzdem meine Umschulung. Allmählich erholte ich mich nun körperlich wieder und das Lernen bereitete mir Freude. Ich empfand die Umschulung zwar als ausfüllend aber keineswegs als sehr schwer zu bewältigende Aufgabe. Mein Praktikum (insgesamt 6 Monate) absolvierte ich in der Verwaltung von einem Krankenhaus. Irgendwie muss mich das Gesundheitswesen wohl in seinen Bann geschlagen haben, aber ob eine solche Tätigkeit einmal später für mich in Frage kommt? Ich glaube eher nicht. Aber die Arbeit hat mir trotzdem Spaß gemacht.

Die Umschulung schloss ich im Januar des Jahres 2006 erfolgreich ab. Ich bekam sowohl von der
IHK als auch von der Schule gute bis sehr gute Zeugnisse. Somit ging ich mit diesen Zeugnissen bei meinen Bewerbungen hausieren. Ich wusste ja, dass es schwer wird, aber es wurde noch schwerer!



Mal wieder im Call-Center gelandet und wieder mal tschüss

Nach vier Monaten hatte ich dann wieder mal einen Job. Über eine Zeitarbeitsfirma wurde ich in eine Tätigkeit für den Marktführer auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt eingesetzt. Ich war drauf und dran, den mir vorgelegten Entwurf für einen Arbeitsvertrag nicht zu unterschreiben. Ich maulte noch ein wenig, holte auch noch einige wenige Dinge heraus, aber ich unterschrieb letztendlich doch einen Vertrag, der eine Bezahlung hart an der Grenze zu einer ehrenamtlichen Tätigkeit beinhaltete.

Ich begann also die Tätigkeit mit einem 14tägigen Crashkurs und begann danach, mit der Methode learning by doing in der telefonischen Rechnungsauskunft zu arbeiten. Das Problem für mich bestand jedoch darin, dass tatsächliche Beratung gar nicht gefragt war. Das einzige was zählte, war der Verkauf von Tarifwechseln und Zusatzoptionen. Wenn ich eine Frage hatte, bekam ich fast nie eine Antwort, zumindest keine, mit der ich etwas anfangen konnte. Ich kam mir vor, wie bei einer Drückerkolonne, wofür ich ganz bestimmt keine zweijährige Ausbildung brauchte.

Somit war eine Beendigung der Tätigkeit schon vorprogrammiert, auch eine andere Arbeit war in dem Zeitarbeitsunternehmen nicht verfügbar. Nachdem ich mich über mangelhafte Abrechnungen beschwerte (ich wusste gar nicht, dass man bei einem deratigen Hungergehalt noch Spielraum für kreative Abrechnungsmethoden vorfinden kann), bekam ich einen Termin für eine "Aussprache" mit meiner Chefin. Diese sollte an einem Freitag stattfinden, an einem Tag, als ich auch vom Betreiber des Call Centers davon unterrichtet wurde, dass man auf meine Dienste künftig zu verzichten gedenke. Ich rief also bei meiner Chefin an und fragte, ob der Termin überhaupt noch notwendig sei. Mir wurde etwas von "... wir möchten mit unseren Mitarbeitern persönlich sprechen..." vorgesäuselt und folglich begab ich mich auf den Weg in den ziemlich abgelegenen Ort des Firmensitzes. Dort fand aber natürlich nichts anderes statt, als die Entgegennahme eines vorbereiteten Schreibens, das die Beendigung meines Engagements bei diesem Unternehmen zum Inhalt hatte. Das Schreiben ist ein sprachliches Highlight, welches wohl schon die Vorhut der PISA-Generation erwarten lässt. Hier ist mal eine kleine Kostprobe

Obwohl das Telekommunikatikonsunternehmen nur ein Abstellgleis und eine zugige Durchgangsstation war, habe ich dort trotzdem einige Kollegen kennengelernt, bei denen es mir Leid tut, sie künftig nicht mehr wiederzusehen. Ich grüße an dieser Stelle Udo, Carmen, Ingrid, Markus, Lisa M., Dunja und alle anderen, die an meiner Seite gearbeitet hatten. Aber das Leben geht weiter, ein kleines Kapitel wird geschlossen, neue werden geschrieben. Die Hunde kläffen, die Kraas krähen und die Nassauers geifern, aber die Karawane zieht weiter!


Auf der Suche nach einer neuen Tätigkeit

Es folgte zu Beginn des Jahres 2007 ein kurzes Intermezzo bei einem Versandhaus. Dort war ich im Bereich Reklamationsbearbeitung tätig. Jedoch fühlte ich mich dort regelrecht verheizt, denn man ließ von dem Zeitarbeitsunternehmen, für das ich damals tätig war, eine weitaus größere Zahl Leute kommen, als man dort letzendlich benötigte. Im Ergebnis dessen setzte ein gnadenloser Ausleseprozess ein, bei dem ich zwar eine Weile mithalten konnte, letzendlich aber trotzdem auf der Strecke blieb.

Es folgte eine Zeit der Arbeitslosigkeit, obwohl von reiner Arbeitslosigkeit niemals die Rede sein konnte, ging ich doch seit Mitte 2005 bei meiner Freundin Petra einer Nebentätigkeit nach. Sie hatte sich selbstständig gemacht und ich führte ihre Geschäftsbücher, übernahm für sie den Schriftverkehr und befasste sich mit der Gestaltung von Internetseiten. So entstand zeitweilig die Idee, mich mit so einer Art Büroservice selbstständig zu machen. Aber ich verwarf fürs erste diese Idee dann doch wieder und suchte weiterhin nach einer Vollzeittätigkeit.

Im November 2007 begann ich bei einer Zeitarbeitsfirma einen weiteren Teilzeitjob. Ich musste bei einem großen Logistikunternehmen im Bereich Zoll alle Pakete öffnen, die von den Zollbeamten für Stichprobenkontrollen vorgesehen worden waren. Diese Arbeit war intellektuell wenig anspruchsvoll - ironisch dachte ich mir dort: von den Mitarbeitern des Logistikunternehmens teilen sich ca. 20 Leute einen Hauptschulabschluss. Außerdem bekam ich ja immer noch einen Teil meines Geldes vom Arbeitsamt - "Aufstocker" nennt man einen solchen unbefriedigenden Zustand.

Anfang März 2008 begann ich für das gleiche Zeitarbeitsunternehmen endlich eine Vollzeittätigkeit und ich konnte mich nun endlich vom Leistungsbezug beim Arbeitsamt abmelden. Ich war jetzt in der telefonischen Kundenbetreuung eines großen Verkehrsunternehmens tätig - also wieder einmal eine Tätigkeit in einem Call Center. Im Gegensatz zu den beiden vorigen Call Center - Tätigkeiten bereitet mir diese Arbeit aber Freude und ich nahm an, dass ich fürs erste keine weitere Arbeitssuche betreiben musste. Durch Intrigen aufgrund persönlicher Abneigungen wurde ich diese Arbeit aber am Ende des Jahres 2008 dann doch wieder los.

Seitdem gehe ich keiner Tätigkeit mehr nach, weil sich inzwischen auch gesundheitliche Probleme ergeben hatten, die mich an die Stellung eines Rentenantrages denken lassen. Mehr dazu aber im nächsten Kapitel.


nächstes Kapitel:
Kapitel 12 - Gesundheitliche Rückschläge

Hier sind alle Kapitel im Überblick und über Links erreichbar:
Kapitel  1 - Kindheit Kapitel  6 - Flucht in den Westen Kapitel 11 - Mein Berufsleben
Kapitel  2 - Pubertät und Jugendzeit Kapitel  7 - Versuch eines Neuanfangs Kapitel 12 - Gesundheitliche Rückschläge
Kapitel  3 - Mein Elternhaus Kapitel  8 - Standortbestimmung
Kapitel  4 - Das "verlorene Jahrzehnt" Kapitel  9 - Der soziale Umstieg
Kapitel  5 - Die letzten Jahre in der DDR Kapitel 10 - Der endgültige Umstieg

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