Mein Outing, die spannendste Phase meines bisherigen Lebens
zuletzt aktualisiert am 15. Februar 2007 Transsexualität Gesamtübersicht


Mein Bruder - die erste Person, der ich mein Problem anvertraute

Die erste Person, der ich mein bis dahin am besten gehütetes Geheimnis - nämlich meine Transsexualität - anvertrauen wollte, war mein Bruder. Im Gegensatz zu meinen Eltern und meinen sonstigen Verwandten hatte ich ihn immer als sehr toleranten Menschen eingeschätzt, was sich dann auch bestätigte. Irgendwelche Freunde und Bekannte schienen mir dafür zunächst erst recht ungeeignet. Ich habe mir also vorgenommen, ihm bei einem Besuch die Wahrheit über mich zu erzählen. Nur habe ich jedesmal im entscheidenden Augenblick gezögert und es einfach nicht fertig gebracht. Diese Sprachlosigkeit im entscheidenden Moment hat dann immer wieder dazu geführt, dass ich total unzufrieden und gereizt war und ich mich auf irgendwelche Ersatzthemen wie Politik o. ä. stürzte. Dabei habe ich mich regelrecht in Aggressionen hineinsteigert und meinen Bruder und auch dessen Freundin jedesmal ziemlich verärgert. Ich merkte also, dieser Weg war wohl eine Sackgasse und ich musste einen anderen finden.

Nach einigen Überlegungen beschloss ich, ihm zu seinem 34. Geburtstag Ende 1998 ein Modem zu schenken. Im Januar 1999 schickte ich ihm dann die entscheidende E-mail. Zuerst bekam ich wochenlang keine Antwort, traute mich aber auch nicht, dort anzurufen. Nach einiger Zeit bekam ich dann eine E-mail, in der er mir versicherte, trotz aller Probleme, welche er mit meiner Transsexualität hätte, nicht den Kontakt zu mir abbrechen zu wollen. Das hat mich damals riesig gefreut und ich bereitete mich innerlich schon auf einen regen Gedankenaustausch per E-mail vor. Ich wurde aber leider enttäuscht. Es kam einfach kein Dialog zustande. Zunächst dachte ich, dass die Problematik meiner Transsexualität das Verständnis und die Toleranz meines Bruders trotz gegenteiliger Beteuerungen überfordert haben könnte.

Eine besonders eigenartige Situation trat ein, als ich im Sommer 1999 nach einer mehrwöchigen Fahrradtour durch Frankreich auf der Rückreise bei ihm für eine Übernachtung Zwischenstation machte. Wir haben uns ausgiebig über alles Mögliche und Unmögliche unterhalten, aber dieses eine Thema blieb sowohl von mir als auch vom ihm unerwähnt. Ich habe mich zwar über unser damaliges Wiedersehen gefreut, aber unsere Sprachlosigkeit auf dem meine Gedanken damals und auch heute noch in starken Maße beherrschenden Feld hat mich sehr unzufrieden gemacht. So vergingen dann noch einige Monate, ohne dass etwas Entscheidendes passierte.

Im November 1999 hielt ich es dann nicht mehr aus und ich rief ihn trotz meiner Abneigung gegen Telefongespräche einfach an. Wir haben dann auch sehr lange über alles gesprochen. Es war ein sehr offenes Gespräch und ich fragte mich anschließend, warum ich nicht vorher schon längst eimal zum Hörer gegriffen hatte. Das Ergebnis des Gesprächs war dann, dass ich zu seinem Geburtstag im Dezember eingeladen wurde. Ich erklärte ihm, dass ich natürlich als Frau kommen würde, was er auch akzeptieren konnte. Ich hatte in den folgenden Tagen ziemliches Lampenfieber, schließlich sollte es das erste Mal sein, dass mich jemand, der mich bisher nur als Mann kannte, in weiblichem Outfit zu sehen bekommt. Ich fuhr also hin, hielt kurz vor dem Ziel noch mal, um mein Make up und meine Haare ein letztes Mal in Ordnung zu bringen und war ganz aufgeregt, als ich dann vor der Tür stand. Als wir uns gegenüber standen und uns anschauten, war zumindest bei mir die Aufregung fast wie weggeblasen. Sein Blick vermittelte mir ein Gefühl von Vertrautheit, keine erkennbare Befremdlichkeit! Dann kam auch noch die etwas lockere Bemerkung:"Das erste Mal, dass ich dich stilvoll gekleidet sehe", welche ich als Kompliment auffasste. Von da an war die Atmosphäre vertraut, fast wie von früher gewohnt. Auch seine Freundin begrüßte mich ganz normal und alle meine Befürchtungen, dass eine etwas verkrampfte Stimmung entstehen könnte, hatten sich nun endgültig zerstreut.

Das einzige Problem, welches sich an diesem Wochenende herausstellte, war die Tatsache, dass ich ständig über mich und meine Transexualität sprach und so trotz allem Interesses wegen der Dominanz dieses Themas gelegentlich für leichte Verstimmung sorgte. Ich glaube aber, dass man mir das schon verziehen hat, schließlich war ich ja das erste Mal als Frau dort. Seitdem kann ich den Umgang mit meinem Bruder als fast normal bezeichnen. Lediglich ein wenig Zeit wird erforderlich sein, um auch die letzten kleinen Vorbehalte (oder was davon noch übrig geblieben ist) zu beseitigen.



Meine Eltern

Mit meinen Eltern war die Sache wesentlich komplizierter. Ich hatte zu ihnen über vier Jahre keinen Kontakt. Die Gründe dafür lagen in Missverständnissen und gegenseitigen Schuldzuweisungen, auf welche ich schon im Kapitel "Eltern" meiner Lebensgeschichte schon eingegangen bin. Durch meinen Bruder haben sie aber (mit meiner Billigung) von meiner Transsexualität erfahren. Ich erfuhr dies aber erst einige Monate später, weil mein Bruder sich offenbar nicht traute, mir darüber Bescheid zu geben, erzählte mir aber, dass unsere Eltern entgegen meinen Befürchtungen trotzdem gern wieder Kontakt mit mir aufnehmen würden.

Nach ein paar Tagen fasste ich mir also ein Herz und rief an. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, nach Jahren wieder die Stimme meiner Muter zu hören. Ich war also im Begriff, gerade riesige Erklärungen abgeben und einen umfangreichen Brief ankündigen zu wollen, als meine Mutter mich mit den Worten:" Komm doch einfach mal her!" unterbrach. Das hat mich schon überrascht, aber sehr angenehm.

Einige Wochen später fuhr ich also nach Leipzig. Dieser Besuch war für alle Beteiligten sicher alles andere als einfach. Wir erlebten ein Wochenende, das noch sehr stark von Verkrampfungen, gegenseitigem Unverständnis, ja sogar Enttäuschungen geprägt war. Meine Eltern machten sich Vorwürfe, was sie wohl falsch gemacht hatten. Es ist wohl ziemlich schwierig, jemanden von diesem Holzweg abzubringen. Zusätzlich habe ich durch meine Ungeduld und mein Unverständnis für die Probleme, welche meine Eltern mit meiner Transsexualität hatten, auch noch eine Menge Porzellan zerschlagen. Es gab aber auch Lichtblicke. So hatten meine Eltern entgegen meinen Befürchtungen keine Angst, sich mit mir in der Öffentlichkeit, also in der Nachbarschaft, wo sie viele Leute kennen, blicken zu lassen. Wir gingen dann auch zum Essen in ein Lokal, wo meine Eltern auch bekannt sind. Ich glaube, ich muss meinen Eltern wirklich sehr dankbar sein, weil ich weiß, dass sie zumindest damals noch riesige Probleme hatten.

Einige Monate später wollte ich anlässlich eines Besuches bei Bekannten in Leipzig zu einem kurzen Besuch auch bei den Eltern vorbeikommen und telefonierte vorher noch mit meiner Mutter. Dabei haben wir uns aber wieder furchtbar gestritten, dass ich erst gar nicht mehr kommen wollte. Heute glaube ich aber, dass genau dieser Streit zumindest bei mir eine Wende eingeleitet hatte. Bei dem Besuch hatten wir uns alle wohl noch unter dem Eindruck des vorangegangenen Streites, den niemand von uns wirklich wollte, ein beträchtliches Maß an Zurückhaltung auferlegt. Sowohl meine Eltern, aber vor allem auch ich selbst haben einfach mal versucht den jeweils anderen einmal ausreden zu lassen und auch zu verstehen und nicht rechthaberisch auf zwar möglicherweise richtigen Standpunkten zu beharren, aber so das Klima zu vergiften. Der Ton macht nun mal die Musik!

Ich glaube, diese Einsicht hat enorm zur Entspannung des Ganzen beigetragen. Ich habe dabei auch endlich bemerkt, dass meine Eltern inzwischen versucht hatten, für mich Verständnis aufzubringen. Sie haben die Zeit zwischen den beiden Besuchen zu meiner großen Freude und auch ein wenig Erstaunen dazu genutzt, ihr Wissen über Transsexualität und alle damit verbundenen Probleme zu vergrößern. Dadurch habe ich endlich auch kapiert, dass ich für meine Eltern mindestens genausoviel Verständnis aufbringen muss, wie ich es umgekehrt auch von ihnen mir gegenüber erwarte. An diesem Wochenende wurde der Anfang dafür gemacht. Ich glaube mittlerweile, das Verhältnis zu meinen Eltern ist auf einem richtigen, wenn auch noch sehr langem Weg. Meine Eltern begannen damals, sich allmählich auf die neue Situation einzustellen und es scheint ihnen zu gelingen, inzwischen eine gewisse Normalität in unser neues Verhältnis zu bringen. Ein Beispiel dafür ist, dass sich die Anrede auf den Urlaubskarten an mich Stück für Stück veränderte. Nachdem am Anfang noch "Herr Matthias Lindner" draufstand, änderte sich das über "M. Lindner", "Lindner" "A. Lindner", "Angelika Lindner" zu "Frau Angelika Lindner". Tief bewegt war ich, als ich eine Weihnachtskarte erhielt, auf der nicht nur die Anschrift "Frau Angelika Lindner" stand, sondern wo ich auch zum ersten mal im Text die Anrede "Liebe Angelika" las. Das hat mir fast die Tränen in die Augen getrieben, denn es war die Schrift von meinem Vater, welcher mit meiner Veränderung wohl noch viel mehr Probleme als meine Mutter hatte.



Volkshochschule

Wegen meiner damals geplanten Südamerika-Reise besuchte ich einen Spanisch-Kurs an der Volkshochschule in Nürnberg. Ich überlegte schon lange, wie ich dort den Wechsel bewerkstelligen sollte. Ich beschloss, entgegen meiner sonstigen Einstellung, die direkteste und härteste Lösung, nämlich vollendete Tatsachen zu schaffen. Ich bin an dem betreffenden Unterrichtstag extra etwas später gekommen, um sicher zu gehen, dass ja auch alle Kursteilnehmer anwesend waren. Als ich in weiblichem Outfit den Klassenraum betrat und alle Blicke zu mir gingen, sagte ich:" Ich möchte den Herrn Matthias Lindner vom Kurs abmelden. Stattdessen wird in Zukunft Frau Angelika Lindner am weiteren Unterricht teilnehmen. Ich setzte mich hin und es war erst einmal sehr still im Unterrichtsraum, bis so langsam der Unterricht begann. In der Pause wurde ich dann mit Fragen bombardiert, aber nur von den weiblichen Kursteilnehmern. Die männlichen hielten sich zurück, hörten aber interessiert zu. Danach gab es fortan dort keinen Matthias mehr, sondern nur noch Angelika. Das habe ich als sehr angenehm empfunden.


Outing in der Firma

Im März 2000 war es dann so weit. Mit dem Outing in der Firma wollte ich den sozialen Umstieg endgültig abschließen. Seit Ende des Jahres 1999 habe ich nämlich nur noch am Arbeitsplatz die "männliche" Rolle aufrechterhalten. Im privaten Bereich lebte ich inzwischen ausschließlich als Frau. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis ich irgendwann einmal von einem Kollegen oder einer Kollegin erkannt würde.

Und genau das passierte dann auch. Beim Einkaufen sah ich eine Kollegin von weitem und sie mich wohl auch. Ich habe mich sofort weggedreht und hoffte, sie hätte mich nicht erkannt. Ich hatte diese Situation zwar letztlich provoziert und daher auch irgendwann mal erwartet, aber als dieser Fall dann eintrat, bin ich dann doch alles andere als clever damit umgegangen. Am nächsten Tag sagte sie nichts zu mir und ich dachte schon, der Fall wäre erledigt. Vielleicht war sie es doch nicht oder sie hatte mich einfach nicht erkannt. Gleichzeitig war ich aber auch ein wenig enttäuscht darüber. Ein paar Tage später aber hielt sie sich auffällig oft in meiner Nähe auf und erweckte bei mir den Eindruck, dass sie mir etwas sagen wollte. Aber sie schien ein wenig verunsichert. Schließlich fasste sie sich doch ein Herz und meinte:" Du, sag mal, kann ich dich mal was fragen?" "Na klar!" sagte ich und ahnte, was jetzt wohl kommt und mein Puls begann zu rasen. "Warst du vor ein paar Tagen im Marktkauf?" "Ja, na klar." sagte ich mit belegter Stimme. "Und du warst als Frau verkleidet?" "Nein, nicht verkleidet, aber ich muß Dir die Sache mal erklären..." und ich erzählte ihr meine halbe Lebensgeschichte. An diesem Tage kam ich kaum noch zum Arbeiten und der Chef schaute schon immer ziemlich missmutig zu uns herüber. Aber durch dieses Gespräch fühlte ich mich förmlich von einer Zentnerlast befreit und wir hatten seitdem ein besonders gutes Verhältnis. Dies äußerte sich auch darin, dass wir uns fortan auch hin und wieder mal privat trafen. Ich glaube, es war ein Glücksfall, dass ausgerechnet sie mich "erwischt" hatte. Das hat letztlich mein bevorstehendes Outing in der Firma erleichtert. Sie war mir auch danach noch sehr behilflich, indem sie mir berichtete, was so alles hinter meinem Rücken getuschelt wurde.

Die vollständige Offenbarung wurde nun langsam immer notwendiger. Inzwischen hatten mich nämlich noch einige andere als Frau gesichtet und es begannen Gerüchte zu kursieren. Um zu vermeiden, meinen Chef dadurch zu beleidigen, dass er ES als letzter erfahren würde, aber eben auch, weil die Sache aus meiner Sicht ohnehin überreif war, beschloss ich nun, die Sache endlich ernsthaft anzugehen. Ich überlegte wochenlang, wie ich das Ganze am besten bewerkstelligen sollte. Am besten erschien mir die Idee von einem Rundschreiben an alle Kollegen, welche ich von einer anderen Transsexuellen hatte.

Ich überlegte mir also einen geeigneten Text, setzte zur Untermalung noch ein paar Bilder hinein und druckte das Ganze dann 30 mal aus. Zuerst suchte ich meinen Chef auf, um ihn vorab zu informieren. Es war sehr interessant, ihn beim Lesen zu beobachten, viel besser, als wenn ich ihm mühevoll etwas vorgestammelt hätte. Nach dem Lesen schaute er mich erstaut an, sagte aber nach einigen Überlegungen, dass es da ja prinzipiell keine Probleme geben dürfte, zumal ja auch andere Frauen diese Tätigkeit verrichten. Ich verteilte also am nächsten Tag meine Briefe und beantwortete einige Fragen und gab meinen Ausstand als Matthias. Am nächsten Tag erschien ich in weiblichem Outfit (soweit das unter Berücksichtigung des Arbeitsschutzes möglich war) und gab meinen Einstand als Angelika. Das alles erschien relativ problemlos, was es ja eigentlich auch war.

Die eigentlichen Schwierigkeiten, nennen wir sie mal die Mühen der Ebene, begannen nun erst noch. Ständig wurde ich, wenn auch nicht absichtlich, mit dem falschen Namen angesprochen, wurde ich in der dritten Person als "er" bezeichnet und bemerkte auch sonst, dass niemand so recht eine Frau in mir sehen konnte. Ich merkte, dass das Outing nicht der Abschluss, sondern wohl erst der Beginn des sozialen Umstieges gewesen ist. Diese Erkenntnis war zwar sehr schmerzlich, aber wohl auch nötig, um mich vor allzu großen Illusionen zu bewahren.


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