Chapter 6 - Escape to the West

last update on 12th of October, 2009


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Die Situation in der DDR kurz vor deren Ende

Das Klima in der DDR wurde in den späten 80ern allmählich immer unerträglicher, während gleichzeitig andere Ostblockländer schon ihren Ausstieg aus diesem System vorbereiteten. Insbesondere Polen und die Ungarn waren auf diesem Gebiet die Vorreiter. Als es dann mit Michail Gorbatschow auch in Moskau Tauwetter gab, führte das dazu, dass sich dieser Prozess noch beschleunigte. Man hatte nun nun keine sowjetischen Panzer mehr auf den Straßen von Warschau oder Budapest zu befürchten. Ein wichtiger Tag war wohl der 1. Mai 1989, als mit einem symbolischen Schnitt der Stacheldraht an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich durchtrennt wurde. So begann der kontinuierlich wachsende Flüchtlingsstrom von DDR-Bürgern via Ungarn und Österreich nach West-Deutschland. Dass die Ungarn ihre Grenze aber immer noch bewachten, was wohl an noch bestehenden Verträgen mit der DDR lag, merkte ich daran, dass mein Bruder plötzlich vor meiner Tür stand und erzählte, er sei in Ungarn ein paar Tage im Gefängnis gewesen und dann ausgewiesen worden, weil er im Gegensatz zu seinem Freund an der Grenze nach Österreich erwischt worden war. Kurz danach trat ich meine große Radtour von Leipzig nach Budapest an, dachte aber dabei noch keineswegs an eine Flucht. Unterwegs genoss ich einfach nur den Urlaub, die Landschaft und war auch irgendwie stolz auf meine sportliche Leistung. Gleichzeitig war ich aber ziemlich von den Nachrichten abgeschnitten. Erst als ich wieder nach Hause kam, wunderte ich mich darüber, welche Ausmaße die Fluchtbewegung inzwischen angenommen hatte. Nun begann auch ich ernsthaft über eine Flucht aus diesem Staat nachzudenken. Damals eher noch unbewusst im tiefsten Inneren meines Hinterkopfes spielten wohl auch schon die besseren Möglichkeiten für einen irgendwann einmal ins Auge gefassten sozialen Umstieg als Frau eine Rolle.


Der Weg nach Ungarn

Als sich dann im September 1989 die Grenze zwischen Ungarn und Österreich völlig öffnete, beschlossen mein Bruder und ich, diese Chance sofort zu nutzen. Wir mussten nur erst mal nach Ungarn kommen. Dafür hätte man bei der Polizei eine Genehmigung beantragen müssen, was im Normalfall auch gewährt wurde. Es dauerte nur immer mehrere Wochen bis dahin und wir wussten auch nicht, ob in Anbetracht der besonderen Situation diese Genehmigung möglicherweise doch verweigert werden könnte. Wir kauften uns also Fahrkarten nach Prag einschließlich Rückfahrt, um unnötigen Fragen der DDR-Grenzer bei der Ausreise in die Tschechoslowakei aus dem Wege zu gehen. An der Grenze wurden wir auch prompt danach gefragt, ebenso darüber, was wir denn in Prag machen wollten. Wir erzählten irgend etwas von ...Stadt ansehen... und ...auf dem Campingplatz übernachten... und man ließ uns dann unbehelligt ausreisen. Auf der tschechischen Seite gingen wir sofort zum Schaffner und lösten Fahrkarten bis in die Nähe der ungarischen Grenze nach. Dieser Zug fuhr ohnehin nach Ungarn, aber da man uns von Seiten der tschechoslowakischen Grenzer nicht ohne Genehmigung hätte nach Ungarn ausreisen lassen, stiegen wir also in der Nähe der Grenze aus, vermieden es aber, bis direkt dorthin zu fahren. Damit hätten wir möglicherweise Verdacht erregt. Mit einem örtlichen Linienbus fuhren wir dann in ein Dorf am Fluss Ipoly, welcher dort die Grenze zu Ungarn bildet. Wir liefen die Straße weiter und als wir aus diesem Dorf heraus waren, bogen wir in einen Feldweg in Richtung Fluss ein. Da es noch heller Tag war, suchten wir so schnell wie möglich einen Platz, an dem wir die Dunkelheit abwarten konnten. Hier in relativer Grenznähe wären wir nämlich schon in ziemliche Schwierigkeiten gekommen, falls wir den tschechoslowakischen Grenzern begegnet wären. Wir fanden einen Heuschober und warteten also, bis es dunkel wurde.

Dann ging es los. Nach einer Weile kamen wir an ein Wasser, welches wir im Mondschein gerade noch erkennen konnten. Zu unserem Entsetzen bemerkten wir, dass es kein Fluss, sondern nur ein ziemlich breiter Entwässerungsgraben war. Dieser war zum Glück nur etwas über knietief und ließ sich, nachdem wir Hose und Schuhe ausgezogen hatten, relativ problemlos durchwaten. Wir waren nun aber trotz allem Aufwandes immer noch auf der slowakischen Seite der Grenze und wollten endlich an den Grenzfluss gelangen. Nach einer Weile kamen wir erneut an ein Gewässer. Auch dieses war ein Entwässerungsgraben und wir waren schon der Verzweiflung nahe. Nachdem wir auch diesen durchquert hatten, kamen wir nach einer Weile endlich an ein Gewässer, das etwas breiter war und wo es eine Strömung gab. Das konnte nur die Ipoly, also der lang ersehnte Grenzfluss, sein. Da wir nicht wussten, wie tief dieser war, gingen wir erst einmal davon aus, dass wir nur schwimmend die ungarische Seite erreichen konnten. Weil unsere Sachen (Jeans, T-Shirt, Schuhe, Unterwäsche und ein paar Ausweise - alles was wir nun noch bei uns hatten) zum Schwimmen zu schwer waren, zogen wir uns splitternackt aus, teilten unsere Sachen in zwei Bündel und durchquerten den Fluss zweimal. Das war natürlich riskant und es wäre besonders ärgerlich gewesen, wenn uns die tschechoslowakischen Grenzer beim zweiten Durchqueren erwischt hätten, nachdem wir schon einmal in Ungarn waren und die Hälfte unserer Sachen bereits dort lag. Zudem stellte sich noch heraus, dass das Ganze unnötig war, weil der Fluss nur hüfttief und die Strömung auch nicht allzu stark war und wir somit problemlos zu Fuß auf die ungarische Seite kamen. Aber alles lief reibungslos und als wir endlich zum zweiten Mal in Ungarn waren, zogen wir nun erst mal unsere Sachen wieder an. Nach einer Weile kamen wir erneut an einen Entwässerungsgraben und waren sichtlich genervt. Also begann das Ganze schon wieder von vorn: ausziehen durchwaten und wieder anziehen. Gleichzeitig überkamen uns Zweifel, ob wir nun wirklich schon in Ungarn waren. War vielleicht durch diese ganzen Wasserbaumaßnahmen der Flusslauf verändert worden und die Grenze noch vor uns? Wir verhielten uns also weiter unauffällig, besonders als wir von weitem die Schatten zweier Gestalten entdeckten. Wir versteckten uns sofort in einem Gebüsch und warteten, bis diese vorüber waren. Schon von weitem bemerkten wir, dass sie sich ziemlich laut unterhielten und - sie sprachen Deutsch! Wir kamen aus dem Gebüsch heraus und die beiden waren erst einmal zu Tode erschrocken ehe sie bemerkten, dass von uns keine Gefahr drohte. Gemeinsam schlichen wir nun auf ein Dorf zu, von dem wir hofften, dass dieses schon in Ungarn lag. Wir wollten das aber erst einmal anhand der Aufschriften auf den Schildern überprüfen. Plötzlich kamen uns ein paar Männer mit Taschenlampen und Schäferhunden entgegen. Verstecken ging nicht mehr, sie hatten uns bereits entdeckt. Sie mussten wohl die Angst in unseren Gesichtern entdeckt haben, denn sie riefen uns in gebrochenem Deutsch zu: "Ihr habt es geschafft, ihr seid in Ungarn!" Erst in diesem Moment legte sich unsere ganze Anspannung der letzten Stunden. Wir waren in Ungarn, was damals bereits zugleich bedeutete: Wir waren praktisch schon im Westen!


Freundliche Aufnahme im Land der Magyaren

Die Dorfbewohner zeigten uns nun noch den Weg zur nächsten Bushaltestelle, von wo wir dann weiter in Richtung Budapest kommen konnten. Als wir in den Bus einstiegen, versuchten wir dem Fahrer zu erklären, dass wir kein ungarisches Geld hatten, aber er gab uns zu verstehen, dass wir nichts zu bezahlen brauchten. Als wir uns im Bus ein wenig umsahen, bemerkten wir, dass fast nur Flüchtlinge aus der DDR darin saßen, wir für den Fahrer also nur ein paar mehr von vielen waren. Der Bus fuhr nämlich entlang der slowakischen Grenze und sammelte praktisch überall die Leute auf, die genau wie wir gerade glücklich in Ungarn angekommen waren. An einer Bahnstation, wo der Bus endete, konnten wir in einen Zug nach Budapest einsteigen. Vorher hatten uns die ungarischen Grenzbeamten noch unser restliches Geld in ungarische Forint umgetauscht, was normalerweise niemals so möglich gewesen wäre. Sie wollten uns so die Möglichkeit geben, wenigstens nicht ohne Fahrkarte in den Zug einzusteigen. Als wir abfuhren, wünschten sie uns noch viel Glück im Westen und ich glaube, das war ehrlich gemeint. Es war schon ein erhebendes Gefühl, derartige Worte von uniformierten Grenzbeamten eines immerhin noch Ostblocklandes zu hören. Aber Ungarn war auch früher schon immer ein wenig anders, als wir das von anderen Ländern, vor allem aber von der DDR her kannten.


Der Weg von Ungarn nach Westen

Als wir im Morgengrauen dann in Budapest ankamen, machten wir uns sofort auf den Weg zur bundesdeutschen Botschaft und wollten dort erst einmal behelfsmäßige Pässe für uns ausstellen lassen. Aber man sagte uns dort, dass extra zu diesem Zwecke eine Art Lager eingerichtet worden war und wir begaben uns umgehend dorthin. Wir meldeten uns dort, es wurden Passbilder gemacht und uns kurze Zeit danach neue Pässe ausgehändigt. Das war für mich schon ein tolles Gefühl, nun einen bundesdeutschen Pass zu besitzen. Am nächsten Tag sollte es dann mit Sonderbussen nach Bayern gehen und wir übernachteten in einem der vom Malteser-Hilfsdienst bereitgestellten Zelte. Am nächsten Morgen wurden dann die Namen derer verlesen, welche in die bereitgestellten Sonderbusse einsteigen sollten, aber wir waren aus irgendwelchen Gründen nicht dabei und hätten somit noch eine weitere Nacht dort verbringen müssen. Das wäre zwar im Prinzip nicht so tragisch gewesen, aber wir waren nun mal ziemlich ungeduldig und standen unter einer ziemlichen Anspannung. Schließlich waren wir gerade dabei, unser Leben durch die Annahme einer großen Herausforderung (Als solche kann man ja einen derartigen "Wohnsitzwechsel" wohl bezeichnen) vollständig zu verändern und brannten darauf, so schnell wie möglich darin einzutauchen. Wir gingen also zum Bahnhof und stiegen in den nächstbesten Zug in Richtung West-Deutschland ein. Da wir inzwischen unser letztes Geld (viel war es ohnehin nicht mehr) dem Malteser-Hilfsdienst gespendet hatten, konnten wir uns keine Fahrkarte mehr leisten und ließen es einfach darauf ankommen. Die ungarischen Schaffner sahen in Anbetracht der besonderen Situation kein Problem darin, uns kostenlos fahren zu lassen. An der österreichischen Grenze zeigten wir stolz den ungarischen Grenzern unsere nagelneuen bundesdeutschen Reisepässe. Mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht wurden wir nun nach unseren alten DDR-Ausweisen gefragt, welche wir ja noch hatten. Sie erkannten unsere Herkunft nämlich sofort am fehlenden Einreisestempel. Sie bereiteten uns aber keinerlei Probleme. Auch sie wünschten uns noch viel Glück für unser neues Leben im Westen. Dann fuhr der Zug los und nach wenigen Kilometern sahen wir die nun funktionslos gewordenen Sperranlagen. Die Gedanken, welche uns beim Passieren dieser Einrichtungen bewegten, welche dazu dienten, uns jahrzehntelang wie in einem Gefängnis einzusperren, lassen sich nur schwer beschreiben. Jetzt konnte man an der gleichen Stelle einfach so weiterfahren, wo nur wenige Monate zuvor noch auf uns geschossen worden wäre! Dann durchfuhren wir einen kleinen Bahnhof, wo wir an dem Schild "Nickelsdorf" erkennen konnten, dass wir nun zum ersten Mal in unserem Leben in Österreich, also wirklich im "Westen" waren.


Danke Ungarn!

Auch heute empfinde ich noch immer ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber den Ungarn, ohne die das Ganze völlig unmöglich gewesen wäre. Nicht nur die Regierung und die Behörden, sondern auch die einfachen Beamten vor Ort, ja eigentlich die gesamte Bevölkerung standen uns mit Sympathie und Wohlwollen gegenüber und unterstützten uns nach Kräften. Nach wie vor lasse ich auf dieses Volk nichts kommen und freue mich über jeden Fortschritt, den diese Nation auf dem Weg nach Europa macht. Sie haben es verdient!




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Chapter 7 - To try a new beginning

Here ist an overview for all chapters:
Chapter  1 - Childhood Chapter  6 - Escape to the West Chapter 11 - My working life
Chapter  2 - Youth and puberty Chapter  7 - To try a new beginning Chapter 12 - Bad health strikes
Chapter  3 - My parents Chapter  8 - The important decision
Chapter  4 - The "lost decade" Chapter  9 - The change in social role
Chapter  5 - The last years in East Germany Chapter 10 - The change will be permanent

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