Chapter 7 - To try a new beginning

last update on 12th of October, 2009


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Im Westen - und was nun?

Nachdem mein Bruder und ich über Ungarn und Österreich nach Bayern gelangt waren, trennten sich dort unsere Wege. Meinen Bruder zog es in die Nähe des Bodensees zu einem Freund, mit dem er bereits seinen ersten Fluchtversuch unternommen hatte. Ich wollte zwar wegen der besseren Arbeitsmöglichkeiten ebenfalls in Süddeutschland bleiben, konnte mir aber nicht unbedingt meine neue Heimat in Schwaben vorstellen. Also blieb ich in Bayern und wollte, da ich nun mal ein Großstadtkind bin, am liebsten nach München. Von Seiten der Bundesgrenzschutz-Beamten, welche die Aufnahmeformalitäten durchführten, wurde mir jedoch dringend davon abgeraten, da es in München und Umgebung weder Ausweichunterkünfte gab, noch die Chancen bei der Wohnungssuche besonders gut standen. Ich hätte also faktisch auf der Straße gestanden, wenn ich dort niemanden hätte, bei dem ich unterkommen könnte. Da ich aber über solche Verbindungen nicht verfügte, entschied ich mich für die zweitgrößte Stadt Bayerns, nämlich Nürnberg. Im Nachhinein bin ich heute der Meinung, dass das wohl nicht ganz die glücklichste Wahl war. Ich musste mich nicht nur an die anderen Lebensverhältnisse gewöhnen, auch die spezielle Mentalität der Franken (nicht unbedingt der "Wessies") bereitete mir so manches Kopfzerbrechen. Die Leute in dieser Gegend sind oft ziemlich reserviert und da ich selbst ja auch alles andere als übermäßig kontaktfreudig war, begann ich immer mehr, mich in eine Art Schneckenhaus zurückzuziehen. So waren die ersten zweieinhalb Jahre für mich besonders schwer, zumal es zu dieser Zeit alles andere als leicht war, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Das aber war für mich besonders wichtig, weil ich wenigstens so etwas wie ein Privatleben haben wollte. Einerseits kapselte ich mich von meiner Umwelt ab, andererseits hatte ich noch nicht mal mein eigenes Schneckenhaus. Aus diesem Grunde war diese Zeit für mich einer der tristesten und trostlosesten Lebensabschnitte.


Jobsuche - eines der damals geringsten Probleme

Einzig die Suche nach einem Arbeitsplatz in meinem erlernten Beruf als Elektriker bereitete nicht die geringsten Probleme. Ich hatte mit dem Arbeiten bereits angefangen, als ich noch nicht einmal eine vorübergehende Ausweichunterkunft in einer Pension zugewiesen bekommen hatte. Die dafür notwendige Lohnsteuerkarte hatte ich überhaupt nur deshalb bekommen, weil ich mich auf dem Einwohnermeldeamt unter der Adresse des Notaufnahmelagers in Nürnberg angemeldet hatte, wofür ich von der dortigen Leitung auf das heftigste gerügt wurde. Mir wurde nämlich nach drei Tagen dort eine vorläufige Unterkunft in einer Pension inmitten der fränkischen Schweiz zugewiesen. Dies ist zwar eine wunderschöne Gegend und ein beliebtes Naherholungsgebiet, aber wohnen wollte ich dort nicht. Ich bin nun mal nicht für das Landleben geschaffen, zumindest nicht, was das Wohnen und Arbeiten betrifft. Jedenfalls hatte ich inzwischen eine Arbeit in Nürnberg und musste nun also jeden Tag 50 km mit dem Zug dort hin zur Arbeit und zurück fahren. Die Pension selbst war nahezu ausschließlich von Aussiedlern und Asylbewerbern aus Polen bewohnt. In dem Raum, in dem ich unterkam, standen drei Doppelstockbetten, in welchen außer mir noch fünf Polen untergebracht waren. Einer legalen Arbeit ging niemand von ihnen nach und dementsprechend wurde dann auch immer bis spät in die Nacht hinein dem Alkohol zugesprochen und sich ziemlich laut unterhalten. Trotz mancher Unmutsäußerungen meinerseits - ich musste ja schließlich jeden Morgen um 5.00 Uhr aufstehen und eine halbe Stunde zu Fuß zum Bahnhof laufen - schienen sie nichts gegen mich zu haben und boten mir immer wieder etwas zum Trinken an. Vielleicht lag das auch daran, dass ich ein paar Worte in ihrer Sprache konnte und auch sonst ging ich nicht auf Konfrontationskurs zu ihnen, was mir wohl einige Sympathien eingebracht haben musste. Aber natürlich konnte dieser Zustand nicht länger andauern und ich suchte mir eine andere Unterkunft in der Nähe von Nürnberg. An eine Wohnung war noch gar nicht zu denken, wovon sollte ich schließlich eine Kaution und die Miete im voraus, geschweige denn eine Maklercourtage bezahlen? Meine Arbeit war das Einzige, womit ich mich von meiner trostlosen Situation ablenken und gleichzeitig meinen Lebensunterhalt sichern konnte. Ich wollte und konnte niemals untätig sein und dem Staat oder anderen Leuten auf der Tasche liegen, sondern hatte den festen Willen, endlich weitestgehend unabhängig werden. Dabei kam es f&uumkl;r mich weniger auf die Höhe, als vielmehr auf die Art des Verdienens meines Geldes an. Ich habe schon immer viel Wert darauf gelegt, meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, weshalb ich Arbeitslosigkeit bis heute als eine der schlimmsten Erniedrigungen empfinde.


Verstärkung meines Identitätsproblemes

In dieser ersten Zeit begann sich erstmalig, wenn auch nur in den "weiblichen Phasen", mein Wunsch nach einem Leben als Frau zu konkretisieren. Nicht zuletzt die besseren Möglichkeiten der Informationsbeschaffung zum Thema Transsexualität haben dies bewirkt.Ich machte mir zum ersten Mal überhaupt Gedanken über einen sozialen Umstieg zu einem Leben als Frau, wenn diese auch noch ziemlich zaghaft und immer noch sehr weit weg von konkreten Planungen waren. Aber ich lebte zu der Zeit eben immer noch in einer kleinen Pension in einem winzigen Zimmer, für das ich im Monat 750 DM zahlen musste. Erst nachdem ich mit 31 Jahren meine erste eigene Wohnung im Westen bezog, konnte ich meine Phantasien zumindest in den eigenen vier Wänden ausleben. Ich kaufte mir über diverse Versandhäuser allmählich Stück für Stück eine vollständige Ausstattung mit Damengarderobe zusammen. Jetzt kam es auch dazu, dass ich diese Sachen auch in den "männlichen Phasen" nicht mehr wegwarf, sondern sie nur ganz hinten in den Schrank hängte. Mein Leben als Einzelgänger verstärkte sich in dieser Zeit nicht zuletzt durch diese Umstände jedoch besonders stark. Es gab niemanden, mit dem ich über meine Identitätsprobleme reden konnte oder besser gesagt, ich traute mich einfach nicht. Die nächste Frage wäre zudem, mit wem ich hätte darüber reden sollen? So etwas wie eine Selbsthilfegruppe gab es wohl in Nürnberg und ich habe sehr oft überlegt, diese einfach einmal aufzusuchen, aber die Schwellenangst war einfach noch zu groß. Da ich in Nürnberg über keine Freunde und Bekannten aus der Jugendzeit verfügte, hätte ich mir also neue Freunde suchen müssen. Da ich aber in meinen "weiblichen Phasen" keinen Bedarf an "Kumpels" o. ä. hatte, mich in meinen "männlichen Phasen" aber innerlich vor mir selbst schämte und ich so auch nicht gerade das Bedürfnis anderer an einer Freundschaft mit mir weckte, blieb ich also allein. Ich glaube, dies hat Spuren hinterlassen, welche auch heute noch an und in mir festzustellen sind. Diese ersten Jahre waren praktisch die Fortsetzung des "verlorenen Jahrzehnts", nur dass mir in Folge meiner Isolation die Saufkumpane fehlten und ich somit wenigstens in dieser Hinsicht nicht mehr allzusehr gefährdet war. Außerdem war auch diese von mir als Leerlauf empfundene Zeit wiederum Bestandteil eines Reifungsprozesses, der irgendwann zu einem Ziel gelangt ist.


Fahrradtouren - sie wurden mein größtes Hobby

Während ich meine Ungarn-Tour im Jahre 1989 noch als so eine Art Einzel-Ereignis empfunden hatte, begann sich nun die Entdeckung der Welt vom Fahrradsattel als so etwas wie eine fixe Idee in meinem Bewusstsein herauszubilden. Im Jahre 1993 unternahm ich meine erste große Radtour nach Dänemark, Schweden und Norwegen über insgesamt 3500 km.Darauf bin ich heute noch stolz, hatte ich damals mit fast 100 kg doch alles andere die besten athletischen Voraussetzungen. Mich hat wohl viel eher mein Durchhaltevermögen und meine Leidensfähigkeit, als irgendwelche sportlichen Höchstleistungen diese Tour durchhalten lassen. Ich konnte so all mein Elend vergessen und der Trostlosigkeit meines sonstigen Daseins entrinnen, indem ich einfach nur die Schönheiten der nordischen Natur genoss und auch einen ziemlichen Stolz auf die zurückgelegten Entfernungen empfinden konnte. Ein Jahr danach war Finnland das Ziel einer weiteren großen Tour ähnlicher Art. Diese Art zu reisen war für mich anfänglich nur ein Notbehelf, um eine Möglichkeit zu finden, trotz meines Einsiedlerlebens meinen Urlaub sinnvoll nutzen zu können. Inzwischen habe ich jedoch großen Gefallen daran gefunden, und ich könnte mir heute das Reisen in einer Gruppe oder auch zu zweit überhaupt nicht mehr vorstellen. Obwohl ich heute über so etwas wie einen Freundeskreis verfüge, unternehme ich weiterhin derartige Touren und dies auch ausschließlich solo.


Das Verhältnis zum "anderen Geschlecht"

Platonische Freundschaften zu Frauen erschienen mir damals immer sehr erstrebenswert, aber damals - im Gegensatz zu heute übrigens - nur schwer bzw. überhaupt nicht zu realisieren. Nachdem ich als Kind und Jugendliche(r) noch völlig ablehnend solchen Gedanken gegenüberstand, konnte ich mir nun wenigstes so etwas vorstellen. Es erschien mir als das Größte und Heiligste, einer Frau gegenüber mein Herz ausschütten zu können, mit ihr vertraute Gespräche zu führen, sich gegenseitig beizustehen und auch sonst gemeinsam so manches zu unternehmen. Aber durch den Rückzug in mein Einsiedlerleben hatte ich ziemlich große Probleme, mich im Kreise anderer Menschen locker und ungezwungen zu bewegen. Ich hatte die typischen Verhaltensweisen (nicht aber Denkweisen) eines Hinterwäldlers angenommen und sah auch so aus. Insbesondere Frauen gegenüber hatte ich immer besonders große Hemmungen, waren diese doch Geschöpfe, welche ich ungeheuer beneidete und bewunderte und denen ich mich in meinen tiefsten, mir unerfüllbar erscheinenden Sehnsüchten stets zugehörig fühlte. Sie sahen in mir aber wohl eher einen im günstigsten Falle ziemlich komischen Mann, der zu allem Überfluss auch noch hässlich aussah und durch sein eigenartiges Verhalten alles andere als ein Mensch war, mit dem sich eine Frau gern umgab. Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie ich das damals überhaupt ausgehalten habe.


Letztes Aufbäumen von Mattias Lindner

In den folgenden Jahren passierte wenig Spektakuläres, die Jahre plätscherten nahezu ereignislos dahin. Aber inmitten dieser Trostlosigkeit war ein Prozess im Gange, der stetig, wenn auch sehr langsam, die Verschiebung der Gewichte zwischen "männlichen" und "weiblichen Phasen" immer mehr zu Gunsten der Letzteren bewirkte, ohne jedoch zu konkreten Änderungen meiner Lebensumstände zu führen. Im Jahre 1994, also mit 33 Jahren, holte der Mann in mir aber noch einmal zum letzten "Befreiungsschlag" aus. Ich wollte es nun doch noch einmal wissen und unternahm mehrere Versuche, Frauen kennenzulernen mit dem Ziel, meiner vermeintlich vorbestimmten Rolle als Mann doch noch gerecht zu werden, eine Familie zu gründen und ein ganz "normaler" Familienvater zu werden. Damals gelang es mir sogar, die "weiblichen Phasen" vorübergehend weitestgehend zu unterdrücken und nahezu auszublenden. Ich schaltete Annoncen in der Zeitung und traf mich auch mit einigen Frauen. Das Ganze ging natürlich vollständig daneben, ich muss wohl ziemlich lächerlich, unsicher und vor allem unglaubhaft gewirkt haben. Keine Frau schien mir meine formulierten Absichten ernsthaft abzunehmen, was wohl durchaus begründet war. Wahrscheinlich war ich zu dieser Zeit die einzige Person, die ernsthaft an das aus heutiger Sicht Unmögliche geglaubt hatte. Ich hatte mir das Ganze damals wohl ein letztes Mal "erfolgreich" eingeredet, um endlich einen Ausweg aus meiner mehr und mehr als sinnlos empfundenen Existenz zu finden. Ich glaube, das Scheitern dieses letzten Verzweiflungsaktes in meiner männlichen Rolle hat mich jeglicher Illusionen beraubt, als Mann jemals ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln und ein glückliches Leben führen zu können. Eigentlich hat es sogar gezeigt, dass ich in Wirklichkeit gar kein Mann bin, ja eigentlich nie wirklich einer war, sondern nur jemand, der auf Grund seiner körperlichen Beschaffenheit und seiner Sozialisation sehr lange, viel zu lange, diese Rolle gespielt hatte. Diese aus heutiger Sicht so logisch klingende Erkenntnis ist mir damals zwar noch nicht in dieser konkreten Form gekommen, aber die Fundamente zu meiner endgültigen Selbsterkenntnis in Bezug auf meine Geschlechtsidentität wurden damals gelegt.




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Chapter 8 - The important decision

Here ist an overview for all chapters:
Chapter  1 - Childhood Chapter  6 - Escape to the West Chapter 11 - My working life
Chapter  2 - Youth and puberty Chapter  7 - To try a new beginning Chapter 12 - Bad health strikes
Chapter  3 - My parents Chapter  8 - The important decision
Chapter  4 - The "lost decade" Chapter  9 - The change in social role
Chapter  5 - The last years in East Germany Chapter 10 - The change will be permanent

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