Chapter 8 - The important decision

last update on 12th of October, 2009


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Reifung einer wichtigen Erkenntnis

Durch das klägliche Scheitern meiner Versuche, in der von der Biologie scheinbar vorgegebenen männlichen Rolle doch noch einen Sinn zu entdecken, kam ich im Jahre 1995, also im Alter von etwa 34 Jahren, zu dem Schluss, dass es mit meiner Männlichkeit nicht weit her sein konnte. Beim Erlangen dieser Selbsterkenntnis überraschte mich aber am meisten, dass ich darüber gar nicht einmal besonders beunruhigt war. Bisher hatte ich wohl immer Angst vor der vermeintlichen Ungeheuerlichkeit und den riesigen Konsequenzen einer derartigen Erkenntnis, weswegen ich mich viel zu lange davor gescheut habe, diese mit aller Konsequenz zur Kenntnis zu nehmen und mich dieser Herausforderung zu stellen. Entgegen allen Erwartungen begann ich viel eher, ein Gefühl der Befreiung zu empfinden. Nun schämte ich mich auch nicht mehr vor mir selbst, nicht einmal in den "männlichen Phasen", welche es ja nach wie vor noch gab. Diese stellten nun aber nur noch Phasen von etwas weniger starkem Drang dar, als Frau zu leben zu wollen. Schuld- oder Reuegefühle hatte ich von nun an plötzlich keine mehr und somit waren auch die bisherigen Wechselbäder zu Ende. Ich steuerte nun nicht mehr mit Gewalt gegen meine eigenen Empfindungen, sondern gab mich ihnen einfach hin. Seitdem trug ich bei mir zu Hause auch nur noch Frauenkleider, völlig unabhängig von "weiblichen" oder "männlichen Phasen". Ich wusste nun, dass ich früher oder später den sozialen Umstieg machen musste und dies nun endlich auch wirklich wollte. Die letzten Zweifel waren jetzt endgültig zerstreut. Nur die Umsetzung dieses Vorhabens sollte noch einige Jahre auf sich warten lassen. Mir fehlte einfach der Mut dazu, vielleicht war aber auch der Leidensdruck noch nicht groß genug und somit die Zeit noch nicht reif. Aber die Weichen in diese Richtung waren nun endgültig gestellt.


Erste Gehversuche auf "dem Weg"

Es begannen nun auch die ersten zaghaften Versuche, in meiner weiblichen Rolle Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen. Hierbei wollte ich vor allem Transsexuelle und Transvestiten kennenlernen, um auf der Ebene von "Gleichgesinnten" (heute würde ich wohl eher von "Gleichbetroffenen" sprechen) Erfahrungen auszutauschen. Dass sich diese äuß:erlich auf den ersten Blick sehr ähnlichen Gruppen in Wirklichkeit immens voneinander unterscheiden, war mir damals noch nicht so richtig bewusst, kannte ich ja damals selbst noch nicht einmal die genauen Begriffsdefinitionen. Auch mit Männern, denen meine Vorgeschichte nichts ausmachte, wollte ich mich irgendwann einmal treffen. Leider hatte ich kaum Erfolg mit diesen Versuchen, bei denen die Kontaktaufnahme im wesentlichen über Zeitungsannoncen lief. Was mich nämlich am meisten dabei behinderte, war die Tatsache, dass ich infolge meines Übergewichts nun alles andere als eine attraktive Frau sein konnte. Infolge meiner neuen Einstellung sollte mir aber nun etwas gelingen, was ich zuvor schon jahrzehntelang vergeblich versucht hatte: Ich nahm ab! Innerhalb von 9 Monaten reduzierte ich mein Gewicht um 40 kg von 105 auf 65 kg (heute etwa 73 kg , was nun schon länger im wesentlichen konstant so geblieben ist). Schließlich hatte ich ja nun endlich ein Ziel, für das es sich lohnte, einige Entbehrungen auf sich zu nehmen. Ebenfalls nicht unwesentlich zu diesem Erfolg trug damals die Umstellung meiner Ernährung auf vegetarische Kost bei. Nun konnte ich mir endlich auch all die vielen schönen Sachen kaufen, welche ich ständig in den Versandhauskatalogen zu sehen bekam und mein neues Outfit wurde immer besser. Ich steigerte mich aber gleichzeitig bei jedem Erscheinen der neuen Kataloge in einen regelrechten Kaufrausch, der mich damals ziemlich nah an den finanziellen Abgrund führte. Inzwischen ist der große Rausch zwar etwas abgeklungen, aber auch heute gebe ich wohl immer noch etwas zu viel Geld für Kleidung aus. Aber da bin ich ja nicht unbedingt eine Ausnahme, geht es doch vielen Frauen so.


Erste Erfahrungen mit dem wirklich anderen Geschlecht

Dann, im Jahre 1995, begannen meine ersten Erlebnisse mit Männern. Über Kontaktanzeigen lernte ich immer einmal wieder jemanden kennen. Zwar machte ich dabei eine Menge negativer Erfahrungen, empfand aber trotzdem so etwas wie Stolz auf die Wirkung, welche ich auf Männer zu haben schien. Ich genoss es förmlich, von einem Mann als Frau behandelt zu werden. Diese neue Erfahrung bestärkte mich in der Überzeugung, endlich auf dem richtigen Weg zu sein. Ich legte auch immer sehr viel Wert darauf, dass ich nichts mit schwulen Männern anfing, sind dies doch Männer, welche auf Männer fixiert sind. Da ich damit aber nicht dienen konnte und auch niemals wollte, hatte ich dieses Problem im Prinzip dann doch nie. Ich gehörte durch meine Weiblichkeit oder das Bestreben, diese weitestgehend zu erreichen, einfach nicht zu deren Zielgruppe. Ich empfand immer eine ziemliche Abneigung gegen homosexuelle Beziehungen unter Männern. Diese Abneigung bezieht sich bei mir natürlich nur auf die eigene Sexualität, nicht aber auf andere Kontakte. Außerhalb dieser Bereiche habe ich inzwischen schon mehrfach schwule Männer kennengelernt und dabei eigentlich meist positive Erfahrungen sammeln dürfen. In meiner männlichen Rolle konnte ich mir früher Beziehungen zu Männern einfach nicht vorstellen. Auch während meines Doppellebens hat mich kein Mann, mit dem ich "etwas hatte", in meinem männlichen Outfit zu sehen bekommen, während ich mir umgekehrt auch bis heute nie eine Beziehung mit jemandem vorstellen konnte, der mich von früher in meiner männlichen Rolle kannte.


Doppelleben

Jetzt führte ich also ein Doppelleben, wobei eher das Wort "Doppel..." im Vordergrund stand und das "...leben" zu kurz kam. Ich verbrachte sehr viel Zeit in den eigenen vier Wänden als Frau, aber in der Öffentlichkeit spielte ich weiterhin meine bisherige immer mehr als unangenehm empfundene Rolle. Deshalb verspürte ich nun immer mehr den Drang, endlich auch einmal als Frau nach draußen zu gehen und ich unternahm völlig ängstlich und verschüchtert meine ersten Ausflüge. Anfangs traute ich mich nur nachts wenn es dunkel und keiner auf der Straße war hinaus. Später ging ich auch am hellen Tag auf die Straße, nachdem ich mich in meinem Auto vorher umgezogen und geschminkt hatte. Ich machte dabei die Erfahrung, dass es einfacher war, in der Anonymität der Menge unterzutauchen, als auf einer einsamen Straße jemandem zu begegnen. Nach diesen Ausflägen schlich ich mich dann immer heimlich und ohne das Licht einzuschalten durch das Treppenhaus zu meiner Wohnung, ständig mit der Angst im Rücken, einem Hausbewohner zu begegnen. Damals wusste ich bereits, dass das so nicht mehr lange weitergehen konnte. Der Stress in diesen Situationen war einfach zu groß, um auf ewig so weitermachen zu können. Ich wusste also, dass ich früher oder später dieses Versteckspiel aufgeben musste, nur wie und wann, darüber war ich mir noch völlig im Unklaren.


Neue Möglichkeiten durch das Internet

Im Jahre 1996 schaffte ich mir einen Computer und wenig später auch einen Internetzugang an. Ich wollte den Anschluss an die allgemeine Entwicklung nicht verlieren, hatte aber dabei natürlich auch die besseren Möglichkeiten der Kontaktaufnahme und Informationsbeschaffung im Auge. Ich begann das Internet fortan nach Informationenen über Transsexualität und nach Kontakten intensiv zu durchforsten. So lernte ich in einem Chat-Forum eine Transsexuelle aus dem Raum München kennen, mit der ich etwa 1 Jahr in Verbindung blieb. Trotz der Tatsache, dass wir uns während dieser Zeit nur zweimal persönlich getroffen hatten, würde ich diese Verbindung durchaus als Freundschaft bezeichnen. Es war das erste Mal, dass ich jemanden traf, der (bzw. die) das gleiche Problem hatte wie ich. Als sie mich besuchte, gingen wir natürlich nicht aus dem Haus, weil ich eben noch nicht so weit war. Wir verbrachten einen ganzen Tag auf meinem Balkon und unterhielten uns über Gott und die Welt. Im Januar 1999 besuchte ich sie und verbrachte zum ersten Mal ein ganzes Wochenende unter Menschen als Frau. Besonders interessant fand ich ein Treffen in der Münchener Selbsthilfegruppe VIVA. So viele Mitbetroffene auf einen Schlag habe ich noch nie gesehen. Ich war aber noch immer viel zu verschüchtert und getraute mich nicht, mich einmal zu Wort zu melden, obwohl mir eine ganze Menge Dinge einfielen. Es war einfach alles noch so neu für mich. Erst nach dem offiziellen Treffen, als wir in lockerer Runde in einem Lokal saßen, begann ich allmählich aufzutauen und mich mit den Leuten zu unterhalten. Dort lernte ich auch erstmals Transsexuelle der umgekehrten Richtung, also Frau-zu-Mann-TS (TS ist die allgemein benutzte Abkürzung für Transsexuelle) kennen. Ich hätte vorher niemals für möglich gehalten, dass ich so viel Sympathie und Verbundenheit zu diesen Menschen empfinden konnte, obwohl sie ja genau das loswerden wollten, was ich so sehnsuchtsvoll wünschte und umgekehrt. Die Parallelen sind eben trotz des umgekehrten Weges größer als die Unterschiede. An diesem Abend wurde mir klar, dass mich mit Transmännern, so nennen diese Menschen sich selbst, wesentlich mehr verbindet, als mit den zumindest damals äußerlich von mir kaum unterscheidbaren Transvestiten.

Etwa gleichzeitig und ebenfalls durch das Internet lernte ich einen Mann kennen, der etwas mehr Interesse an mir zu haben schien, als die meisten anderen. Nachdem wir uns zuerst bei mir getroffen und etwas näher kennen gelernt hatten, wurde ich von ihm zu einem Gegenbesuch eingeladen. Ich fuhr zu ihm die etwa 150 km hin, nachdem ich mich auf einem einsamen Parkplatz umgezogen und geschminkt hatte. Wir liefen Hand-in-Hand durch seine Stadt, er lud mich in ein Lokal ein und wir verbrachten einen wunderschönen Abend, der seine Fortsetzung dann bei ihm zu Hause fand.Ich war überwältigt von dem schönen Gefühl, als richtige Frau von ihm behandelt zu werden. Auch schienen wir in der Öffentlichkeit überhaupt nicht aufzufallen, was mich schon ein wenig Stolz über mein Erscheinungsbild als Frau empfinden ließ. Unsere Bekanntschaft wurde durch seine Ex-Frau und trotzdem beste Freundin eingefädelt, weil sie über einen Internet-Zugang verfügte. Ich lernte so auch sie kennen und auf diese Weise hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben Gelegenheit, "von Frau zu Frau" mit jemandem zu sprechen. Sie schien Sympathie für mich und meinen Weg (der mir ja eigentlich erst noch bevorstand) zu empfinden und wir unterhielten uns den ganzen Abend. Ich hatte das Gefühl, an diesem Abend quasi den ersten Willkommensgruss von einer Frau erhalten zu haben. Dies nahm eine große Last von mir, hatte ich doch vorher riesiges Lampenfieber vor dieser Begegnung gehabt und Angst, von ihr ausgelacht zu werden. Es kam alles ganz anders und ich war an diesem Tag unglaublich glücklich.



Am Vorabend zum Beginn des wirklichen Lebens

Leider gingen sowohl die Beziehung zu diesem Mann, als auch die Freundschaft mit meiner Münchener Bekannten fast zur gleichen Zeit in die Brüche, was mich wieder in meine gewohnte Einsamkeit zurückstieß. Nur empfand ich diese nun noch unerträglicher. Ich fühlte mich auf ganzer Linie als Verlierer und war völlig verzweifelt. Ich hatte wieder das Gefühl, ein Mensch zu sein, der es nicht Wert war, geliebt und geachtet zu werden, der überall ausgestoßen und abgelehnt wurde.

Ich stürzte mich in sportliche Aktivitäten, indem ich fast jeden Tag entweder durch den Park joggte oder mit dem Fahrrad fuhr. So konnte ich einen Teil meines Frustes und meiner Depressionen abbauen oder zumindest vergessen, zumal sich ja durch den Trainingseffekt auch Erfolgserlebnisse einstellten.

Trotz allem waren das alles so etwas wie Schlüsselerlebnisse, welche bewirkt hatten, dass ich mir zum ersten Mal ernsthaft Gedanken über Möglichkeiten zum Beenden meines bisherigen Schwebezustandes machte. Diesen empfand ich nun immer unbefriedigender und ich begann zu ahnen, dass ich am Vorabend riesiger Veränderungen in meinem Leben stand. Inzwischen war ich nun auch endlich bereit dazu.




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Chapter 9 - The change in social role

Here ist an overview for all chapters:
Chapter  1 - Childhood Chapter  6 - Escape to the West Chapter 11 - My working life
Chapter  2 - Youth and puberty Chapter  7 - To try a new beginning Chapter 12 - Bad health strikes
Chapter  3 - My parents Chapter  8 - The important decision
Chapter  4 - The "lost decade" Chapter  9 - The change in social role
Chapter  5 - The last years in East Germany Chapter 10 - The change will be permanent

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